Das Familienfest naht: Weihnachten. Im Haus der Insel gibt es einen Adventsbasar, und ich schiebe mich durch das nach Glühwein und Waffeln riechende Gebäude, die Wangen von der Wärme errötet.

Bekannte grüßen; schöne, aber nutzlose Dinge gleiten durch die Finger, und natürlich kauft man etwas davon: Zuhause freut man sich ja doch über diese Dinge, weil man sie schließlich irgendwo zum Schönaussehen hinhängen kann, und also haben sie sehr wohl einen Nutzen, wenn auch keinen praktischen.

Rasch noch ein paar Geschenke, aber dann wird es zu viel mit dem Trubel, man ist ja keine Menschenmengen gewohnt mehr nach zwei Jahren Insel. Also: Raus.
Kurz vor dem Ausgang strahlt mich eine kleine, elegante Dame mit kurzen grauen Haaren an. Sie war auf meiner Lesung. Ich reiche ihr die Hand zur Begrüßung, aber sie umarmt mich einfach und bedankt sich in rührender Überschwänglichkeit für meine „wunderschönen Geschichten“. Es freut mich von Herzen.

Dennoch sinkt Wehmut in die Freude. Wenn es doch nur mal Geschichte wäre, denke ich, und ich wünschte, ich hätte ihn mir nur ausgedacht, den Seemannssohn mit der schönen Stimme.
So wie ich mir als Kind meine Helden und Heldinnen einfach erfand, damals, als noch nicht so viel Leben in meine Träume gesickert war, das die blühenden Landschaften darin nach und nach mit Zement asphaltierte.

Er ist jetzt nur noch eine literarische Figur, sage ich mir. Was sonst könnte jemand sein, der zwei Jahre nicht mit mir sprach und dessen Gesicht und Wärme nur noch Erinnerung ist?

Halte Abstand, sage ich mir: Das Schiff ist fort. Er kehrt nicht wieder.
Aber dann liegt man im Dunkeln, versucht, jemand anderen zu lieben, oder auch nur Begehren für diesen Menschen zu empfinden, und es funktioniert nicht. Und dann weiß ich, dass du den Hafen nicht verlassen hast; dass du immer noch bei mir bist für eine letzte Nacht, für eine letzte Nacht zum hundertsten Male.

Deine Haut schimmert im Mondlicht, wo sich meine Finger in deine Schultern graben, und ich betrachte den Schatten, den deine Wimpern auf deine Wangen werfen, um nicht vollkommen absorbiert zu werden von der jadegrünen Tiefe deiner Augen. Dein schönes Gesicht ist so nah, dass ich den Flaum auf deinen Ohrläppchen sehen kann, und ich lasse mich von deiner süßen Schwere hinabziehen in den Ozean einer Nacht ohne Morgen: Bleib bei mir.

Zu schnell ist jedes Versprechen fort. Mit dem Anbruch des Tages kehrt auch die Abgeklärtheit zurück: Was ist das schon. So vielen gab man sich hin, irgendwann hörte man auf zu zählen. Oder es wurde ein Sport daraus: Sekundenliebe. Und vorbei, sobald sich eine_r wieder anzog.

Bei dir ist es anders. Dich kann ich immer noch auch ohne Nähe lieben, noch immer zehrend von dem, was war, und dem, was hätte sein können.
Ich scheuche den anderen Menschen weg.
Zum hundertsten Male muss ich mir eingestehen: Bloßes Begehren kann man mit anderen Menschen stillen, aber keine Liebe.

Das Herz wird laut, sobald die Körper schweigen.
Ich sehe dich auf der Bettkante sitzen, dein geliebtes Profil im Gegenlicht. Du denkst an Kippen und Kaffee. Und ich daran, wie sehr ich dich liebe —  selbst wenn mir das Gegenlicht gerade unbarmherzig deine Fältchen zeigt, deine Narben und das Grau in deinen Brusthaaren. Du wirst alt, und auch du hattest so viele Menschen vor mir, aber es ist mir egal. Ich finde dich wunderschön, gerade jetzt, in all deiner nackten Verletzlichkeit. Und trotz all unserer Vergangenheit ist das mit dir etwas Besonderes.
Warum nimmt das kein Ende?

Der Traum ist vorbei, ein Gedankenabgrund öffnet sich. Dass einen das Herz zuweilen verarscht, ist ja jenseits des ersten Teenager-Liebeskummers nichts Neues, aber woher rührt dieses nicht nachlassende körperliche Begehren, das in unserem Falle, wie die Weihnachtsdeko, zwar schön sein kann, aber dennoch ebenso nutzlos ist? Und warum lässt es sich nicht einfach durch andere Personen stillen?
Sicher, im Bio-Leistungskurs lernte man: Liebe dient der Bindung an einen anderen Menschen zum Zwecke qualitätsoptimierter Aufzucht von Nachkommen.
Es hat aber keinen evolutionären Zweck, dich zu wollen. Wir sind zu alt, wir wollen beide keine Kinder (‚ich wäre ein furchtbarer Vater‘, sagtest du einst) und dann wäre da ja auch noch das ein oder andere biologische Hindernis auf dem Wege der Fortpflanzung. Ganz abgesehen davon, dass du auf mich schlichtweg keinen Bock mehr hast. Was also, frage ich mich, soll der Scheiß? Warum muss ich dich immer noch lieben, und zwar mit dem vollen Programm? Wenn schon mein Herz keine Argumente mehr hat, warum dann nicht wenigstens mein Körper?
Kann man denn nicht wenigstens unter Männern kurzfristige Zustände von — pardon — Geilheit einfach komplikationslos abfeiern, am besten in irgendeinem anonymen Kellerloch, und danach ist Ruhe im Karton? Warum muss es da trotz der Abwesenheit eines evolutionären Sinnes diese Bindung an einen bestimmten Menschen geben? Und warum will man diesen einen Menschen immer wieder und immer noch, während ein anderer nicht einmal zur flüchtigen Erinnerung taugt, selbst wenn man ihm körperlich ebenso so nah war wie dir?
Liebe adelt nunmal, mag man resümieren, selbst so etwas Profanes wie Sex. Und offenbar reichen biologistische Argumente hier wirklich nicht.

Ich will nicht weiter darüber nachdenken. Im Bett lege ich mich quer, damit niemand anderes mehr darin Platz hat, und vergrabe mein Gesicht in den Kissen: Ich wünschte, sie röchen nach dir.

In der Küche kocht jemand Kaffee.

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