Die letzten Meter zur Deichbrücke laufe ich nicht, ich renne sie; schon beim Überqueren der davor liegenden Straße lebensmüde nach den berühmten drei Masten spähend, anstatt auf den Verkehr zu achten.

Und dann, endlich, sehe ich sie: Die Gorch Fock.

Majestätisch weiß liegt sie, strahlend unter zart erbläuendem Winterhimmel, und man möchte sofort barocke Zeilen dichten über güldene Masten, Abenteuer auf See und schöne Matrosen, wenn einem das nur nicht gleich den Vorwurf des Nationalismus einbrächte.

Denn tatsächlich ist dieses märchenhaft schöne Schiff, welches dort in aller Unschuld am Wilhelmshavener Bontekai vertäut liegt, das Segelschulschiff der Deutschen Marine und damit der Soldatenausbildung vorbehalten.

Gestorben wird darauf auch; gut erinnere ich den tragischen Tod einer jungen Kadettin vor drei Jahren sowie die sexistischen Kommentare als Reaktion darauf. Von wegen ‚Frauen weg von Waffen und Wanten“,‚Küche statt Koje‘ und ‚Babys statt Besantopp‘. Als hätte es da nicht auch schon Männer vom Mast geweht — deren Tod ist natürlich nicht minder tragisch.

Dennoch kann nichts meine momentane Euphorie bremsen; an das Eisengeländer der Deichbrücke geklammert, grinse ich grenzdebil vor mich hin und starre und starre und starre. Was für ein schönes Schiff!

„Entschuldigung, ist das da hinten die Gorch Fock?“ Eine ältere Dame schiebt sich ins Bild; ihr Herannahen bemerkte ich nicht.
„Das ist die aber sowas von!“ poltere ich lauter als geplant, und die Dame zuckt ein wenig zusammen und schaut irritiert. „Ist sie nicht wunderschön?“ setze ich euphorisch hinterher, aber es ist keine wirkliche Frage, also blicke ich wieder zum Schiff. Die Antwort ist irgendein Gemurmel.

Neben der Frau sind jetzt zwei Begleiter aufgetaucht. „Haben sie da gedient?“ fragt der eine, und ich sage „jaja“, ohne nachzudenken. Und wie ich diesem Schiff diene! Heute zumindest, denke ich, gäbe ich alles, um sie zu sehen, ganz egal, dass ich in Wirklichkeit die Seetauglichkeit eines größeren Rüsseltieres besitze. Aber die Leute sind schon wieder verschwunden, bevor ich das richtig stellen kann.

Ich reiße mich widerstrebend los und renne weiter zum Hotel. Nur schnell die Sachen loswerden! Auch das Zimmer hat Gorch-Fock-Blick: Große Freude! Aber ich will näher ran ans Schiff. Und rauf. Die Gangway steht schon bereit: In drei Stunden ist „open ship“.

Die Zeit bis dahin verbringe ich mit ausführlicher Außenbesichtigung des Stolzes der Deutschen Marine, um schließlich, nach einem Marsch über die nicht minder elegante Kaiser-Wilhelm-Brücke, auf der gegenüberliegenden Seite des Hafenbeckens im Café des Marinemuseums zu landen.

„Immer diese Gorch Fock!“ zetert die Angestellte nach der hundertsten Touristenfrage vor ihrem Kollegen, „was wir nicht alles darüber wissen sollen!“ Ich schmunzele. Auch hier bringen Gäste offenkundig nicht immer Freude ins Haus. Andererseits: Wir reden schließlich von der Gorch Fock!

Vor dem Café liegt die Fregatte Mölders; außer Dienst gestellt als zu besichtigendes Museumsschiff, ein mächtiger Zerstörer.
Ich erinnere, wie ich dich einst nach deinen Kindheitserinnerungen zu diesen Schiffen befragte. So ein Kriegsschiff muss doch toll sein für einen kleinen Jungen, dachte ich, und der Vater darauf noch Kapitän zur See! Ich zumindest liebte es als Kind, am Arbeitsplatz meines Vaters einzufallen, um in der Arztpraxis Unruhe zu stiften und Unmengen Verbandszeug zu klauen, mit dem ich später meine Stofftiere verarztete. Und so ähnlich sah ich auch dich als Kind vor mir: Mit der viel zu großen Kapitänsmütze deines Vaters in der Wanne Mini-Fregatten vor dir herschiebend, und singend dabei, natürlich. Und dann erst auf dem Schiff! Behende die Niedergänge rauf- und runterflitzend, bespaßt von lächelnden Kadetten. Du warst doch schon immer ein Showtalent!
In Wirklichkeit hielt sich deine Begeisterung wohl in Grenzen: Natürlich hättest du den Papa an Bord mal besucht. Aber toll gefunden? „So ein Zerstörer ist ja jetzt kein romantisches Schiff“, war alles, was du dazu brummeltest. „Wenn’s wenigstens die Gorch Fock gewesen wäre, was?“ setzte ich nach, und du schautest wieder geradeaus in dein Glas und nicktest: „Ja, war ja nicht einmal die Gorch Fock.“

Ich schaue raus zur Mölders und denke, dass ich da als Kind trotzdem Spaß drin gehabt hätte; zumindest bis zu dem Alter, an dem man den Hauptzweck eines solchen Schiffes begreift. Aber natürlich heißt ein Schiff für Seemannskinder nicht nur Abenteuer, sondern auch immer wieder Abschied.  Nicht nur vom Vater, sondern auch von Schulkameraden und vertrauten Kinderzimmern, wenn man mit der Familie von einem Marinestützpunkt zum anderen ziehen musste.

Auch über dieses Thema sprachst du nicht gern.

Im Museumshop liegt ein Kinderbuch, „Wenn Papa lange wegfährt …“ heißt es. Auf dem Umschlag steht ein Vater an Bord einer Schnellbootes der Gepard-Klasse und winkt. Am Ufer seine Frau mit dem Kind an der Hand: Sie bleiben zurück.
Als Ex-Buchhändler weiß ich, dass man strikt zielgruppenaffin einkaufen muss, und also wird es hier in Wilhelmshaven wohl Bedarf dafür geben. Es bricht mir das Herz.
„War es nicht schwer für dich, dass dein Vater immer weg war?“ fragte ich dich einmal, aber du wurdest darauf recht ungehalten und warfst mir nur ein trotziges „so oft war der gar nicht weg!“ entgegen. Treffer, versenkt, denke ich rückblickend, und frage mich erneut, wie es so ist, das Aufwachsen als Soldaten- und Seemannskind. Natürlich sind auch andere Väter oft weg, auf Montage oder sonstwo, aber vielmehr als in anderen Berufen besteht bei Seeleuten doch die Gefahr des vergeblichen Hoffens auf Wiederkehr: Bei Einsätzen der Deutschen Marine in Krisengebieten erst Recht.

Meine Freundin T., Tochter eines ehemaligen Funkers der Bundesmarine, ist da auskunftsfreudiger. Wie sehr hatte sich ihr Vater über die neugeborene Tochter gefreut! Aber dann? „Fuhr er wieder zur See, und als er das nächste Mal heim kam, konnte ich laufen“. Sie lächelt nicht, als sie mir das erzählt.
Sie zeigt mir ein Bild von ihrem Vater in Uniform: Ein hübscher Mann.
Und ja, es war schwer.

Auch in meiner Familie fuhren Männer zur See, wenn auch meistenteils im Kriege, also nicht freiwillig. Mein Urgroßonkel Max beispielsweise blieb 1914 im Gefecht vor den Falklandinseln mit der Scharnhost auf See, wie man so schön euphemistisch sagt, wenn einem in Wirklichkeit erst das Schiff und vielleicht noch ein Arm oder Bein weggeschossen wurde, bevor man wie eine Ratte ertrank.
Auch von Onkel Max gibt es ein Foto in Uniform, aus Flensburg. Er hat einen Kaiser-Wilhelm-Bart und die für diesen Familienzweig typischen, melancholischen Augen, die auch ich habe. Ich nehme mir vor, am 8. Dezember an ihn zu denken: Dann jährt sich der Untergang der Scharnhorst.

Im Shop kaufe ich ein paar Sachen und stecke vorsichtshalber auch ein Faltblatt der Marine ein, das die Dienstgrade und Rangabzeichen erläutert. Meine Güte, denke ich, all die dicken und dünnen Streifen und Sterne und Bezeichnungen studierend, ich bräuchte alleine Monate, bis ich die Leute an Bord auch nur vorschriftsgemäß grüßen könnte, von dem ganzen Wissen ums Segeln mit seinem ebenfalls üppigen Fachvokabular gar nicht zu reden!

Zur Sicherheit kaufe ich auch zum Thema Seemannssprache ein Buch.

Vor der Gorch Fock bilden sich bereits lange Schlangen. „Isn’t she beautiful?“ schwärme ich die vor mir stehenden Australier voll, und sie pflichten mir höflich bei. „But look, did you see the damage?“ fragt der eine und weist mit ausgestrecktem Arm auf die Galionsfigur: Einen stilisierten Albatros. Und tatsächlich; der Vogel ließ beim Anlegemanöver am Bauch ein paar Federn, ein Video kursierte davon, offenkundig auch in Australien.
Natürlich machten sich die User episch darüber lustig, aber ich denke, dass ein Schulschiff nicht grundlos so heißt: Die lernen halt noch. Abgesehen davon klebt sowieso schon der 5. oder 6. Albatross am Bug der Gorch Fock; die vorherigen verlorengegangen in Stürmen oder Gottweißwo.
„Die besten Rudergänger stehen immer an Land“ kommentiert ein Seemann die Anwürfe lakonisch, und ich kann ihm nur zustimmen. Das ist wohl in allen Branchen so …

Der Matrose an der Stelling fröstelt; dennoch Haltung wahrend die Besucherströme lenkend. Endlich kann auch ich aufs Schiff. Große Freude! Ich mache Fotos von jedem Messingknauf und jedem Stück Tau.
An Bord Marine; die Männer und eine Frau beantworten bereitwillig Fragen. Dienstgrade fliegen mir um die Ohren: Kapitänleutnant, Oberbootsmann, Seekadett, Stabsgefreiter, Unteroffizier mit und ohne Portepee. Dazu Milliarden Fachbegriffe rund ums Segeln. Ich bin heilfroh, dass ich das Faltblatt eingesteckt habe, so komme ich mir nicht ganz so blöd vor.
Die Messingteile sind alle blankpoliert; genau wie die Planken und Masten. Kaum vorstellbar sind die tragischen Unglücke auf diesem Schiff; kaum vorstellbar, dass hier Menschen das Blut ihrer toten Kamerad_ innen von den Planken waschen mussten, über die nun lachend Landratten flanieren.

Ich sehe hoch zum Großmast. Er ist sehr hoch: 45 Meter. Und die Kadetten (außer jene mit ärztlich bescheinigter Höhenangst) müssen da rauf, bei Sturm und Nacht, das schöne Schiff wohl einige Male verfluchend.

Mir wird ein bisschen schwindelig, und auf einmal kann ich mir auch die unschönen Seiten vorstellen: Die Enge, die Nässe, die Müdigkeit und Angst sowie die kollektive Kotzerei im Sturm.

Bald ist der Rundgang beendet und ich schaue ein letztes Mal von Deck in die Tiefe. Dort unten, in der immer noch elend langen Warteschlange, entdecke ich Freund U., gebürtiger Spiekerooger, und beschließe: Ich gehe mit ihm gleich nochmal rauf! Die Wartezeit vertrödeln wir mit Geschichten von der Seefahrt — Auch U.s Bruder ist Seemann.

Es wird ein kurzes, aber herzliches Wiedersehen.

Zurück im Hotel platze ich in Hochzeitsfeierlichkeiten. Der Bräutigam, der soeben für ein Foto mit Blumenkindern und dem Militärpfarrer posiert, ist ein junger Oberleutnant zur See, das verraten mir zwei Streifen und ein Stern auf seinem Ärmel nach einem Blick in mein Faltblatt. Er hat ein unschuldiges Kindergesicht und ist auf diese Weise ziemlich hübsch. Seine Frau, im langen cremefarbenen Kleid, ist schwanger. Noch eine Anwärterin für das Kinderbuch, denke ich, und wieder wird mir bewusst, für wie viele Familien das hier an der Küste Alltag ist: „Wenn Papa lange wegfährt …“

Ich übermittele Glückwünsche und trolle mich auf mein Zimmer: Die Gorch Fock liegt im verblassenden Licht des Tages.

Die Vorhänge lasse ich auf, damit sie morgens das erste ist, was ich sehen werde.

Der Abschied naht. Wieder die Deichbrücke und ein letzter Blick. Ein Jahr werde ich sie nicht sehen, die Gorch Fock, erst dann liegt sie nach Werftaufenthalt und Ausbildungsreise wieder in Kiel. Womöglich sehe ich sie auch niemals wieder: Kiel ist weit, und, Gerüchten zufolge, ansonsten nicht sehenswert. So ist das mit Abschieden: Schön war die Zeit, als man noch nicht wusste, dass zu oft ein „für immer“ darin steckt.

Tschüss, schönes Schiff, denke ich traurig, und mache mich auf zum Bahnhof.

Im Zug pladdert Starkregen an die Fenster. Die Fähre nach Langeoog schwankt; es gibt eine Unwetterwarnung, mal wieder. Ich blicke hinaus auf die brodelnde, graue See und denke, dass der Mensch da eigentlich nichts verloren hat.
Aber versuchen kann man es. Denn manchmal, denke ich, ist die See ja auch freundlich: sie öffnet Handelswege, spendet Erkenntnisse, Nahrung und Leben.

Und irgendwo setzt ein glücklich heimgekehrter Funker seinem Töchterchen die Marinemütze auf.

gorch fock von unten gegenlichtBildMaxBrandtgorch fock hafenbecken panorama

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