Der Sturm hat sich gelegt. Mein Fenster empfängt mich mit warmen Lichtern: Ich mag das, wenn ich nach Hause komme. „Da hat es sich jemand aber hübsch gemacht“, denken die Leute, wenn sie vorbeiradelnd in mein Fenster schauen, und wärmen sich, genau wie ich jetzt, an dem schönen Schein.
Denn natürlich wartet dort niemand. Ich ließ das Licht absichtlich an: Weil es so mehr nach Zuhause aussieht.
Tatsächlich blicke ich beim Abstellen des Rades hinunter zum Deich, und frage die Insel, genau wie dich: Warum liebst du mich eigentlich nicht? Die Insel schweigt, genau wie du.
Und immer ist es so schwer.

Natürlich kann die Insel nichts dafür. Ich wuchte die Tasche mit den nutzlosen Büchern und den Programmheften aus dem Korb. „Es hat nichts mit dir zu tun“, sage ich mir, die Leere im Vortragssaal erinnernd. Und ich, plötzlich so klein an dem Pult vor den Stuhlreihen; die hübsch drapierten Bücher vor mir, um die sich letzte Woche noch Interessierte scharten, heute nur mehr ein Schutzwall vor der Einsamkeit. Niemand kam.
Es ist kalt in dem Raum, und wo nach der letzten Lesung noch Weinkaraffen standen und die Luft erfüllt war von Wärme und herzlicher Bewunderung, steht nun der Künstler, den keiner will, und schiebt leise die Tische zurück an ihren Platz; die Programmhefte beim Einsammeln noch warm vom Drucker.

In Berlin wärst du heute Nacht der Künstler, und ich sähe zu dir hoch, aus der Sicherheit deines Publikums. Du warst nie allein, aber wenn, dann wäre ich da gewesen, und ich wollte immer, dass du das weißt. Doch selbst wenn Tausende kämen: Letztendlich ist jeder Künstler auf seiner Bühne allein, immer, und allein in seinem Schaffen. Auch du bist auf deiner Bühne allein, und wahrscheinlich wirst du heute Nacht ebenso allein wie ich nach Hause fahren; es sei denn, du fändest wieder jemanden, der dir das Taxi zahlt und dir zuhört, wie du mit kräftigen Zügen durch die Schatztruhe deiner Erinnerungen schwimmst.
Es befriedigt nicht.
If you’re going through hell, keep going, sagte Churchill, und natürlich werde ich nicht aufhören zu schreiben, nur weil einmal niemand zu einer Lesung kommt, aber seien wir ehrlich: An der Künstler_innenhölle ist sowas schon verdammt nah dran.

Es ist still heute Nacht.
Wo gestern noch Sturmböen an den Fenstern rüttelten und das Mauerwerk knarzen ließen, ist nun kein Laut zu vernehmen, bis auf das Summen von Elektrizität und das Klappern der Tastatur.
Ich würde gern den Mond sehen, denke ich. Wenigstens den Mond. Und so fahre ich die Rolläden nochmal hoch, trete hinaus in eiskalte Nacht, und suche ihn, meinen stillen Freund am Firmament. Er ist da, klein wie ich, und verborgen hinter Wolken: Auch seine Supermondzeit ist vorbei.
Im Kühlschrank ist eine Flasche Champagner, man könnte sie aufmachen, denke ich, jetzt erst Recht. Aber es fühlt sich zu demütigend an. Ich sehe wieder aus dem Fenster.

Die Straße liegt vor mir im Dunkeln. Dennoch erkenne ich schemenhaft die Steine und die Sträucher, in denen Vögel schlafen. Irgendwo schlägt eine Tür. Am Rand der Straße glänzt etwas: Ich gehe nachsehen. Vielleicht ist es nur Müll, denke ich. Trotzdem: Da glänzt etwas.
Das Glänzen wärmt, als ich mich nähere. Und dann singt es, sanft und beruhigend. Ich höre genauer hin und begreife: Das Glänzen im Dunkeln ist das Meer; sein Singen das Rauschen. Das Meer, natürlich! — Fast hätte ich es vergessen.
Wo das Meer ist, ist es niemals zu still.
Wo das Meer ist, ist Leben.

Die Insel liebt jeden, sagt es, und jeden nicht. Die Insel wertet nicht, und das Meer zählt keine Besucher.
Das Meer ist so viel größer als ich, denke ich, und trotzdem reiche ich ihm jetzt, als einziger Zuhörer.
Ich mag die Geschichten, die du erzählst, sage ich dem Meer. Vielleicht kann ich darüber schreiben.
Die weißen Kämme der Wogen nicken. Irgendwo in Berlin fährt ein Taxi durch die Nacht.

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