Sechs Uhr früh. Zeigte sich in den letzten Wochen noch ein zögerlicher erster Lichtstreif am Himmel, so beginne ich meinen Arbeitstag nun in stockschwarzer Nacht. Schemenhaft erkenne ich Krähen auf dem Dach des Nachbarhauses. Bis auf das Rauschen der Wellen ist es absolut still. Am Strandübergang halte ich inne. Das Meer tost; Dirigent seiner eigenen Ouvertüre in Moll.
Ich denke an die Legende von Rungholt, und wie es jetzt wäre, aus der düsteren Tiefe dieses unendlichen, brüllenden Nichts vor mir das Läuten von Kirchenglocken zu vernehmen. Ein Schauer jagt durch mein Inneres und lässt mich frösteln. 
Kirchenglocken sind ein seltsames Phänomen: Heimelige Idylle an einem sonnigen Sonntagmorgen, bei der man sich automatisch Kinder in weißen Kleidchen vorstellt, die Ringelpiez um Wäscheleinen tanzen, zwischen Hühnern und Gänsen, und der Pastor schlappt im Talar vorbei und grüßt, das Gesangbuch unter dem Arm. Aber dort, wo sie nicht hingehören, sind Kirchenglocken die gruseligste Sache der Welt.

Die Insel wird anders im November.
Wenn das Meer lauter wird als die Menschen, und sich der scheinbar so mühelos bezwingbare, azurblaue Ententeich des Sommers, auf dem bunte Ausflugsboote schippern, in eine zornige Urgewalt verwandelt: Eines rasenden Lebewesens gleich.

„Unsere Flügel sind die Seelen der Matrosen“ heißt es in einem meiner Lieblingslieder, und zu sehr möchte man im Sommer daran glauben, dass sich Leid und Tod in pittoreskem Kreisen persilweißer Möwenschwingen auf blauer Himmelsleinwand auflösen.
Im November ist das anders. Dann wähnt man die Seelen der Toten noch immer gefangen auf dem Grunde des Ozeans, und nur die Glocken von Rungholt gemahnen ihrer Existenz und der Vergänglichkeit allen Seins.

Ich stelle mir einen Büsumer oder Pellwormer vor, der, nach einer anstrengenden Saison, am Strand seiner Heimat Ruhe sucht, der Stille lauscht, und dann diese Glocken hört. Aber vielleicht ist die Legende von Rungholt auch einfach nur eine gute Einnahmequelle für den Tourismus: Ein nordfriesisches Loch Ness.
Oder ein zeitloses Mahnmal gegen Prunksucht, Völlerei und Gotteslästerung: Der Untergang vieler als Strafe für die amoralischen Vergehen Einzelner.

Ich setze meinen Weg fort. Erste Lichter brennen im Eisenbahnschuppen, aber die Inselbahn schläft noch. Ein müder Angestellter steht in der halb geöffneten Tür und raucht. Aus den Wiesen hinter den Gleisen steigt Frühnebel.
Dann plötzlich das Scharren von Hufen in der Dunkelheit: Eine Erlkönig-eske Szene.
Ich sehe genauer hin. Auf dem Platz vor dem Lokschuppen stehen zwei mit festlichem schwarzen Kopfschmuck herausgeputzte Rappen und ein Kutscher im bodenlangen, schwarzen Capé. Im Gespann ein ebenfalls tiefschwarzer Wagen mit einem quastenverzierten Baldachin aus Samt. Kurz denke ich: Das ist aber eine seltsame Kutsche, bis mir die Maße des Wagens auffallen. Für eine Personenkutsche ist er zu schmal. Dann dämmert es mir: Das ist der Leichenwagen von Langeoog. 
Zum zweiten Mal schaudert es mich, denn mir wird klar, dass jetzt im Laderaum der 7:10 Uhr Fähre neben bunten Wasserbällen und Lenkdrachen noch etwas anderes mitfährt. Oder Jemand.
Langeoog hat kein Krematorium, also müssen die Toten zur Einäscherung aufs Land. Oder vom Land zurück auf die Insel, wenn ein Insulaner beispielsweise im Kreiskrankenhaus verstirbt. Hier wird er oder sie dann beigesetzt, auf einem der beiden Friedhöfe, oder im Rahmen einer Seebestattung den Wellen übergeben.

„Eigentlich müssen die mit dem Frachtschiff rüber“, erklärt mir ein Insulaner, „aber manchmal lohnt sich das nicht, dann kommen die Särge auch auf die Personenfähre“, und ich denke, dass unsere Gäste besser doch nicht alles über die Insel wissen sollten. Und den Toten ist es wohl reichlich egal, ob sie neben Strandspielzeug und Badekleidung der Touristen oder Möbeln und Toilettenpapier für die Hotels verschifft werden.

Auch im Hotel haben wir Zimmer mit Friedhofsblick. Es sind eigentlich sehr schöne Zimmer, die zu dieser Seite hinausgehen, aber manche Gäste hadern damit. „Das Zimmer ist aber wunderbar ruhig“, trösten wir dann, „hier hören Sie frühmorgens maximal das Trappeln von Pferdehufen.“
Welche Kutsche das ist, erwähnen wir nicht.

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(c) Karte: gemeinfrei/wikipedia
Die Karte aus dem Jahre 1662 zeigt die damalige Lage der nordfriesischen Halbinsel Nordstrand und der Insel Pellworm. Die während einer Sturmflut im Januar 1362 versunkene Insel Rungholt ist südlich (im Wasser liegend) noch eingezeichnet.

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