Aus dem vornehmen Hotel an der Straßenecke kommt ein Pärchen, das wohlhabend aussieht. Beide tragen Barbour-Jacken in Barbour-Grün und ich muss an Krachts „Faserland“ denken, in dem es im ersten Kapitel nur um solche Jacken geht, allerdings geht es darin um solche Jacken auf Sylt. 
Weiters wird in dem Buch fürchterlich gesoffen, gekotzt und Zeugs eingeworfen und dabei quer durchs Land gereist bis in die Schweiz, ein Skandal war das damals (also das Buch), aber heute bräuchte man für all das nur eine Donnerstagnacht in Berlin bei Chantal’s House of Shame und sparte sich ergo das Reisen.
Ich denke zurück an die Nächte, in denen auch ich dort war, mitunter mit dir, und ich erinnere das Licht, die Wärme der tanzenden Leiber, das Vibrieren der Bässe, all die Pfützen auf dem Boden, die man lieber nicht genauer untersuchte, und die Schlangen vor dem Klo, wo so ziemlich alles gemacht außer gepinkelt wurde: Blöd für den, der wirklich mal musste.
Und dann natürlich der Auftritt der Muttergottes, Chantal, irgendwann gegen 2: Superdisco.

Manchmal traf man sie auch in Zivil, abends in Schöneberg: Dann sprach man über Balkonpflanzen und was eine gute Hausfrau so kochte. Es sind so viele Welten in einer in Berlin: Das, denke ich, war wirklich schön.

Hier ist alles überschaubar, möchte man meinen, allerdings hat auch dieser Eindruck nach Aussage alteingesessener Insulaner nicht zwingend Bestand.
So redet man über als Kur- und Rehabilitationseinrichtungen getarnte Suchtkliniken, prügelnde Eheleute, Knast-Vorleben und die üblichen Affären; von den Nazi-Vorfahren einiger gestandener Langeooger Bürger und Bürgerinnen ganz zu schweigen.

Ich sehe wieder zu dem Paar in den Barbour-Jacken. Sie halten sich an der Hand und gehen lachend Richtung Dorf, das blonde Haar der Frau sorgfältig in weiche Wellen gelegt.
Was für eine Verschwendung, denke ich, bei dem Sauwetter. Aber adrett sieht es aus, und ich mag es, wie hier alles so unschuldig wirkt, so sauber, egal, wie viel Dreck darunter liegen mag.
In Berlin liegt der Dreck ungeniert an jeder Ecke. Aber wenn man genau hinsieht, entdeckt man die Blumen im Morast, die Kreativität im scheinbar Abgeranzten, die spielenden Kinder auf dem ehemaligen Todesstreifen. 
Es gibt hier Zukunft, scheint diese Stadt aus allen Winkeln zu rufen, egal, wie oft ich schon in Asche lag: Kiekste, wa!
Man kann viel schaffen in Berlin, denke ich, denn abgesehen vom Flughafen verändert diese Stadt sich täglich, wandelt, wächst. Man kann neue Wege finden, sich durch dunkle Gassen schlagen oder über glitzernde Boulevards flanieren. Man kann alles sein am Tage und jeder sein bei Nacht, ob mit Geld oder ohne. Und ist der Ruf erst ruiniert, zieht man einfach in einen anderen Stadtteil, wo einen keiner mehr kennt: Berlin ist groß — Ein buntes, blinkendes Karussell der Möglichkeiten, von dem man allerdings irgendwann herunterfliegt, wenn man mit der Drehung nicht mithalten kann. Mir wird schwindelig in der Erinnerung. Und doch habe auch ich immer noch Koffer in Berlin: Mit Büchern, Bildern, Briefen.
Auch du bist noch da, ein kleiner grauer Punkt in dieser riesigen Stadt, und ich sehe den gelben U-Bahn-Zug mit dir darin durch die Nacht über die Hochbrücke an der Eberswalder Straße flitzen. Es ist kalt, du siehst müde aus von der Arbeit, und in Gedanken lege ich meine Hand auf deinen regennassen Ärmel: „Ich muss aussteigen.“ Deine Augen sind grau wie der Regen am Fenster.

Ich bin jetzt angekommen. Auch hier perlt Regen von der Fensterscheibe, in meiner Wohnung, die noch neu riecht, aber schon sehr nach mir aussieht. 
Keine zweihundert Meter vor meinem Balkon liegt das Meer, und täglich schickt die Sonne ihre ersten Strahlen in mein Fenster.
 Bald hole ich meine Bücher nach. Die Koffer in Berlin werden weniger.
Aber manchmal träume ich noch, das Rauschen des Meeres sei die U2 mit dir darin. Komm nach Hause, denke ich dann.
Wohin auch immer.

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(foto: view.stern.de)

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