Erste Vorboten der Herbststürme treiben buntes Laub in die noch ferienfein geharkten Vorgärten. 
Das war er dann wohl, der Sommer, denke ich, und es mutet fast surreal an, dass man eine komplette Jahreszeit nahezu verpasst hat.
Arbeit, Arbeit.
Und dann kommt dieser Moment, in dem man vorm Badezimmerspiegel kapituliert; sich zusätzlich zur üblichen Hochleistungskosmetik und der Augenränder-Retusche auch noch Selbstbräuner ins Gesicht reibt, damit der Kontrast nicht so hart ist zu den sonnenbraunen Gästen.


„Ist das nicht herrliches Wetter heute?“ fragen die Gäste, und man strahlt und sagt „Ja, fabelhaft“, obwohl man noch gar nicht draußen war, seit gefühlten achthundert Jahren nicht, und ich muss an meinen lieben Onkel Fred denken, der Lokführer war unter Tage: Wenigstens er sah noch weniger Tageslicht als ich; Friede seiner Asche.

Aber dann kommt er doch noch, der Tag, an dem FREI im Kalender steht, und man rennt hinaus in die Natur: Gierig nach Licht, Luft und Farben.
Im Vorbeigehen kann man erste Brombeeren von den Sträuchern naschen.
Der Sanddorn nebenan braucht noch ein wenig, und ich vermisse den Freund, mit dem ich letztes Jahr hier vor den Sanddornbüschen stand: Den sauren Saft der orange leuchtenden Beeren um die arbeitsmüden Augen klopfend, weil Vitamin C gut ist für die Haut und dunkle Schatten aufhellt.

Gegen Abend wird es leer am Strand, auch in der Hauptsaison, und man kann wieder auf der Schaukel sitzen und dabei den Containerschiffen zusehen, wie sie Ware von A nach B bringen, oft monatelang auf hoher See. 
Jetzt bin ich es, der die harte Arbeit anderer Leute als Idylle wahrnimmt, denke ich, und bewundere das riesige Frachtschiff, welches sich im Licht der versinkenden Sonne am Horizont blau abzeichnet.

Plötzlicher Lärm schreckt mich aus meiner Gedankenverlorenheit: Eine Schulklasse tummelt sich am Strand, sie spielen Verstecken.

Zunächst bin ich genervt, aber dann sehe ich den Sportlehrer: Eine blonde Schönheit wie aus einem schwedischen Modekatalog, unter dessen äußerst geschmackvoller Sommerkleidung sich ein gottgleiches Figürchen abzeichnet. Er streift mich mit einem Blick, und ich entdecke große blaue Augen und einen sündhaften Schmollmund.
Ich kann mir die Myriaden Teeniemädels vorstellen, die Herzchen in ihre Tagebücher malen, und all die Unsportlichen, die ihre Unsportlichkeit verfluchen, weil sie so nichts zum Beeindrucken haben.
Meine Sportlehrer hatten Schnauzbart, hässliche Trainingsanzüge und Lieblingskinder, zu denen ich nie zählte.


Ich seufze resignierend und mache dennoch drei Kreuze, dass meine Schulzeit vorbei ist. Außerdem — Wer definiert Schönheit? Die Gesellschaft, unser persönlicher Geschmack, oder letztlich doch nur die Liebe?

Ich stelle mir dich neben dem schönen Sportlehrer vor, und dass ich einen von euch wählen müsste. Du bist so viel kleiner als er, deine sportlichsten Zeiten sind vorbei (genauso wie meine) und deine Haare sind grau, aber dennoch wollte ich dich: Weil du immer noch schön bist — auch und gerade in so vielen Facetten, die man auf den ersten Blick nicht sieht.


„Er fehlt dir gerade wieder sehr, oder?“ fragt die Freundin, und ich sage, dass mir unsere Gespräche fehlen, dein Humor und all das Vertraute, selbst das, was mir auf die Nerven ging. 
Was soll ich mit einem schönen Fremden?

Ich möchte auch in meinem Partner ein Zuhause finden, selbst wenn die Farbe darin schon von den Wänden bröckelt und den Garten schon lange niemand mehr hegte.
Was dagegen nützte es, durch glitzernde Kristallpaläste zu streifen, wenn deren Wände kalt sind und alle Türen verschlossen?

Nun wird es auch auf der Schaukel kalt und ich mache mich auf den Heimweg. Von der Dünenpromenade aus werfe ich einen Blick zurück auf den Strand: In majestätischem Türkis, fast wie von innen beleuchtet, brandet die See unter einem violetten Sonnenrest.

Grillen zirpen im Gras; der Wind lässt die abgefallenen Blütenblätter der Heckenrosen tanzen, bevor sie auf den Holzbohlen des Strandüberwegs liegen bleiben: Ein fuchsiafarbener Kreisel zu meinen Füßen.

Es gibt so viel Schönheit auf dieser Insel denke ich, so viel Schönheit in jedem Detail.

Und dafür, denke ich, während ich erneut den Blick über die grandiose Weite schweifen lasse: Dafür lohnt sich alles.


Dennoch wünsche ich mir manchmal immer noch, dass du eines Tages vor mir im Sand stündest. 
Dann, wenn die Saison vorbei ist. Dann, wenn die Insel wieder sich selbst gehört.


„Komm nach Hause“, sage ich.
„Dann pflanzen wir Herbstblumen im Garten und warten auf den Winter.“

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