„Ich liebe dich“, sagt der Mensch, und ich bewundere die Tapferkeit angesichts der beidseitigen Aussichtslosigkeit dieses Unterfangens.
Gleichzeitig fragt man sich: Warum ich? Ich bin weder reich noch wichtig, habe für einen Mann zu breite Hüften und dafür Oberarme, für deren Beschreibung jedes Wort zu dick ist. Warum also ich?
Und trotzdem sieht man jetzt in diese Augen, blau und klar wie ein Fjordgletscher, und sieht nichts als Aufrichtigkeit darin.
„Es ist wie es ist“, schrieb Erich Fried darüber, und offenbar tummele nicht immer nur ich mich auf der anderen Seite der Ohnmacht.

Freilich bleibt einem zuweilen nichts anderes übrig als freundliche Zurkenntnisnahme nebst höflichen Vergessens des Gesagten: Ein notdürftiges Pflaster auf den Blessuren der Hilflosigkeit. 
Und dann sieht man der Person nach, die hübsch ist und nett und klug, zweifelsohne, und denkt: Verdammt.

Ich hörte diese Worte nicht oft. Auch sagte ich sie selten, außer während der einzigen langjährigen Beziehung, deren Ende sich unter anderem dadurch einläutete, dass die großen drei Worte irgendwann gleichberechtigt neben Floskeln wie „Ich geh Brötchen holen“, „Bring den Müll raus“ und „Kann ich das Auto haben?“ standen: Abgenutzt und ohne Glanz. Man sagte das halt.


Dir sagte ich sie nie, die großen drei Worte, auch wenn ich sie ständig dachte, während ich dich ansah, dir zusah, und dabei hoffte, dass du es fühlen würdest: 
Ich liebe dich.

Ein einziges Mal schrieb ich es dir, als ohnehin alles verloren war und ich wusste, dass dieses „Ich liebe dich“ das Letzte sein würde, was du von mir läsest. Denn wie sonst komprimiert man ein überlebensgroßes Gefühl in drei mickrige Worte?

Und dann flogen diese drei Worte elektronisch durch die regennasse Nacht, mit Glück noch gestreift von den geliebten Augen, bevor die geliebten Finger auf „Löschen“ drückten, die ich fortan nicht mehr lieben durfte.
Tschüss.


Oh, dieses Gefühl. Beglückwünscht und gefeiert, solange es auf Gegenseitigkeit beruht oder es zumindest den Anschein hat — nackt, schäbig und frierend in seiner Einsamkeit, wenn es das nicht tut.

Ich erinnere einen ähnlichen Fall. Da war dieser sonnengeflutete Waldweg, eigentlich ein romantischer Ort, und diese in jeder Hinsicht liebenswürdige Person neben mir: Auch sie zweifelsohne lieb, hübsch und klug. Allein: Ich liebte sie nicht. Und so zerrte die Eitelkeit des Genießen-Wollens am Respekt vor dem großen Gefühl und dem Wissen, dass ich nicht hier sein sollte. Nicht so.

Aber wie sagt man das?


Nicht-Liebe ist grausam. Es gibt schließlich kein „ich liebe dich ein bisschen nicht“, ebensowenig wie „ich liebe dich etwas“: Ja oder Nein.

Was ich fühlte, war: Jemand sollte dich lieben. Aber es ging nicht.

Und dann ging der liebende Mensch davon, floh, und ich selbst blieb zurück auf dem Waldweg, das Rauschen des Windes in den Blättern, und sah auf bebende Schultern, weil der Mensch weinte, und ich nicht hinrennen konnte, um zu trösten, weil schließlich ich selbst es war, der das Weinen verursacht hatte: In kalter, nichtliebender Grausamkeit. 
Es gibt keine Diplomatie in dieser Sache.

Auf „Ich liebe dich“ folgt im Idealfalle ein „auch“, aber so viel öfter ein „nicht“, und dann steht man da und schämt sich, auf welcher Seite auch immer. 
Die letzte Nacht brach hinein, alles war gesagt, und der Mensch klammerte sich an mich wie eine Ertrinkende und ich selbst lag da, wach, und fühlte mich schlecht, weil ich keinen Rettungsring werfen konnte, durfte.
Tschüss.

Auch unsere Liebe konnte ich nicht retten. Es gibt dieses Foto, auf dem ich dich im Arm halte, und ich denke: Jeder Idiot sieht, wie sehr ich dich liebe auf diesem Bild. Dieses entrückte Lächeln, ein bisschen peinlich vielleicht, aber nichtsdestotrotz so unendlich glücklich in diesem Moment, deine Wärme fühlend und die Weichheit deiner Haut: Wofür ich lebte.

Du hältst mich nur mir einer Hand fest, in der anderen hältst du ein Bier, und jeder Idiot sieht, wie sehr du mich nicht nicht liebst auf diesem Bild. Und wie sehr meine Liebe schon damals vor deine Wand lief, immer wieder, bis sie liegen blieb, schlussendlich.
„Sie gaben auf, sie kamen um“ sang die Knef: „Es waren ja nur drei Worte“.



Nun denke ich zurück an diesen anderen Menschen und die Wärme der Liebe taut mein Herz aus dem Winterschlaf.
 Sie hängen im Raum, diese drei Worte, und ich denke, dass ich sie einrahmen möchte, aufheben für später, irgendwann — aber es geht nicht.

Für Liebe gibt es kein Doggy bag.



Dann ist er vorbei, der Zauber des Augenblickes, und die drei Worte verhallen mit dem Klang sich entfernender Fußschritte.

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(Foto: (c) Hurtigruten)

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