Es herrscht Flaute. Die Segler langweilen sich in ihren Booten. Nur im Fahrwasser unserer 800 PS geraten sie ein bisschen ins Schaukeln und werden zugleich zu beliebten Fotomotiven der am Heck Ausschau haltenden Touristen.
Am Ostende Langeoogs sonnen sich Seehunde, doch der übliche Freudenschrei aus Kinderkehlen beim Anblick der putzigen Pelzträger bleibt aus: Heute ist es relativ ruhig an Bord.
 Nur wenige Menschen fanden an diesem stickig-schwülen Morgen den Weg zum Hafen, um die übernächste Inselnachbarin zu erkunden.
Wangerooge ist ein fast 8 Quadratkilometer großes Eiland, das zwar zu den Ostfriesischen Inseln zählt, dessen Einwohner sich aber mit einiger Vehemenz (wie ich am Ende des Tages noch erfahren sollte) als Friesen betrachten, dem friesischen Jeverland zugehörig, und keinesfalls als OSTfriesen.

Tatsächlich wirkt die Insel, obwohl sie kleiner ist als Langeoog, auf Fotos immer etwas städtischer als die Inselnachbarinnen, wenn man von Norderney einmal absieht. Auf Wangerooge ist man der großen, weiten Welt einfach etwas näher, was vor allem an der exponierten Lage nahe der Großschifffahrtswege liegt. Fast ununterbrochen kann man dort riesige Containerfrachter, Kreuzfahrtschiffe, Arbeitsschiffe und Ähnliches Richtung Hamburg oder Bremerhaven fahren sehen; manchmal lässt sich vom nahen Marinestützpunkt Wilhelmshaven aus auch eine Fregatte der Deutschen Marine blicken.
Das Großschiffegucken ist auch mein Ziel dieser Reise, und so lausche ich interessiert den Ausführungen des Kapitäns, während am Fenster das Weltnaturerbe Wattenmeer vorbeizieht: Mit noch mehr seehundsbevölkerten Sandbänken und den leuchtend gelben Messstationen der Universität, von denen Kormorane in der teichruhigen Nordsee kurz vor Spiekeroog nach Beute spähen.

Leider ist die Lage Wangerooges an der wichtigen Schifffahrtstraße nicht nur touristisch, sondern vor allem auch kriegsstrategisch günstig, weshalb die Insel 1945 von den Alliierten vollkommen zerbombt wurde: 320 Menschen starben, und bis auf das Bahnhofsgebäude wurden fast alle alten Gebäude zerstört.
Mit diesem unschönen Teil der Geschichte im Hinterkopf bekommt die Vorfreude feine Risse. Das Meer vorm Fenster ist grau und schweigt: Nur angestrengt kann man das Plätschern der Wellen vernehmen.

Auch im Salon der Langeoog II herrscht, vom Motorengeräusch einmal abgesehen, Grabesstille. Der Matrose im Kiosk liest, eine Mutter wischt Kinderkotze von Tisch und Boden, die Verursacher_in irgendwo an Deck. Das ältere Ehepaar gegenüber hat ein Kartenspiel.
Ich lege mich auf die Bank und schlafe.

Auf Wangerooge angekommen, besteigen wir die Inselbahn. Auch diese verleiht der Insel etwas mehr Weltnähe als Langeoog, da die Waggons aus den Beständen der Deutschen Bahn stammen und keine Sonderanfertigung sind: Sie sehen also aus wie Waggons auf dem Festland, wenn auch wie sehr alte.

Ein Paar kommt herein, etwas jünger als ich, und die Frau fragt, ob sie sich zu mir setzen dürfen. Beide haben ein offenes, freundliches Gesicht und strahlen mich an, also habe ich nichts dagegen.
Sie stammen aus einem Skigebiet nahe der österreichischen Grenze und kennen das alles mit dem Tourismus: Der Stress während der Saison und die Abgeschiedenheit danach; das Drama mit den Mieten und den Immobilienpreisen für die Bewohner.

„Wir haben bei uns dasselbe in Grün, nur in Weiß“ sagt der Mann, der große tintenblaue Augen hat und einen schönen, rotblonden Bart. Alle lachen.
Die Bahnstrecke führt uns mitten durch üppig erblühte Salzwiesen, auf der sich neugierig halbflügge Möwenjunge den Gleisen nähern. Die Lachmöwen verlieren bereits ihr Brutkleid: Erste Boten des Herbstes.
Nach einem winzigen Laubwaldstück erreichen wir den Bahnhof und das Inseldorf.

Am Ende der zum Strand hin ansteigenden Fußgängerzone thront das Café Pudding. Ich umrunde diesen in jedem Reiseführer erwähnten Touristenmagneten zuerst, um mir den für Langeooger Verhältnisse recht schmalen Strand anzusehen, gehe dann aber doch auf einen Tee hinein. Es ist überraschend hübsch eingerichtet, und auch der junge Mann hinter dem üppigen Kuchenbuffet ist recht ansehnlich. 
Draußen hat es zu regnen begonnen.
Im Café liegt eine Beschreibung zur Geschichte des Hauses, und ich beginne mich unwohl zu fühlen, als ich realisiere, dass ich in einem Bunker sitze. 
Genaugenommen davor, denn der runde Teil des Cafés, in dem sich die Panoramaplätze befinden, wurde um den ehemaligen Bunker — das heutige Buffet — herumgebaut, in welchem nun Windbeutel, Baisers und Torten liegen. Die optische Entmilitarisierung des Gebäudes war Auflage der britischen Besatzer, aber dennoch kommt mit dem Wissen das Gefühl: Diese Wände atmen Angst.

Mein Vater wurde 1942 bei Fliegeralarm geboren, und man mag sich nicht vorstellen, was eine Mutter fühlt, die ihr Neugeborenes hält und schon Angst haben muss, dass es ihr gleich wieder aus dem Arm geschossen wird. Und dann muss sie noch drei weitere Jahre mit dem Kleinkind in den Bunker rennen, immer wieder in den Bunker, denn damals war Gelsenkirchen unter Industrieaspekten noch etwas Wert.

Und dann saß man im Dunkeln, oben donnerte und pfiff es, das Kind weinte vielleicht, weil es sein Spielzeug nicht hatte, und am Ende des Angriffs hatte man schlimmstenfalls kein Zuhause mehr, mit dem Spielzeug irgendwo unter den Trümmern und Toten.
Kann man sich je daran gewöhnen?
Ich möchte in keinem Bunker sitzen, und auf einmal erscheint mir all das Heimelige und Gemütliche hier obszön. 
Ich verschwinde, so schnell ich kann.
Vor dem Café sitzt das nette Paar aus der Bahn und grüßt.

Der Regen wird stärker, und so besichtige ich erst einmal alles, was ein Dach hat: Läden, Museen, Ateliers. Und Kirchen. In der evangelischen, die mich von der Einrichtung samt Votivschiff her an die Heilandskirche den dänischen Gemeinde in Flensburg erinnert, zünde ich Kerzen an: Für meine Eltern und dich.

Ich weiß nicht, ob ich das machen darf, wo ich doch meistens mit dem Herrgott hadere, außerdem ausgetreten bin und meine Liebe zu dir auch nicht gerade biblische Zustimmung findet. Aber immerhin bist du Enkel eines evangelischen Pfarrers, und so hoffe ich auf Milde, als ich das Geld für deine Kerze in den Opferstock werfe und sie an der Elternkerzen-Flamme entzünde.
An der Backsteinmauer der Kirche wachsen prächtige Stockrosen in den Himmel; die üppigen Blütenblätter vom Regen benetzt.
Im an die Kirche angrenzenden Kurpark biegen sich Hortensien unter der Last ihrer sommerschweren Schönheit.

Nach all der Besinnlichkeit ist mir nach Bier. 
In einer Nebenstraße finde ich eine Kneipe, die so räudig aussieht, dass sie schon wieder einladend ist. Sie hat gerade erst aufgemacht, aber der Tresen ist schon voll von Männern, die Henning, Uwe, Andi und Christian heißen und sich alle untereinander kennen. 
Die einzigen Fremden außer mir sind ein Ehepaar, das, offenkundig vor dem Regen geflüchtet, um einen Kugelschreiber für ein Kreuzworträtsel bittet.

„Gottseidank bin ich nicht verheiratet“, poltert der Wirt in Richtung des Rests der Truppe, noch während er den Stift überreicht, „dann müsste ich auch Kreuzworträtsel machen, oder Spieleabende oder so eine Scheiße. Nee, hau mir ab!“

Das Paar schweigt, und ein bisschen tun sie mir Leid, aber grinsen muss ich trotzdem.


Ein drittes Jever wird vor mich hingestellt: „Von Andi“. „Langeoog dankt“, sage ich zu dem mir Unbekannten, proste auf die Inselfreundschaft und werde darauf gleich integriert, was mit friesisch-ruppigem Charme bedeutet, dass mir erstmal ein Haufen Beleidigungen über meinen OSTfriesennerz und OSTFriesland im Allgemeinen übergejaucht wird: Schließlich sei man hier Friese.

Es ist fantastisch, und ich muss nicht erwähnen, dass ich die heruntergekommene, vollgestopfte Spelunke mit zwei Discokugeln zwischen Unmengen an Seemannskitsch samt Besatzung gleich ins Herz schließe.

Bald werden lederne Knobelbecher ausgeteilt; auch vor mich stellt man einen hin, aber ich kenne das Spiel nicht und so verabschiede ich mich wieder.



Am inzwischen aufgeklarten Horizont kreuzen die Frachter auf ihrem Weg in die große, weite Welt.

Ich will nicht mehr mit. Die treue Langeoog II wartet am Hafen auf ihre Gäste.


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