Manchmal ist das Rauschen des Windes im Schilf einfach die schönste Musik. Ein Rohrsänger stimmt ein. Hinter der Weite des Watts glitzert die offene See. Und es gibt nichts, was den Blick gefangen hielte.

Das östliche Insel der Ende kommt in Sichtweite: Von hier aus geht es nur mit dem Schiff weiter. Spiekeroog scheint nah. Sollte man dies hier als Grenze begreifen?, frage ich mich. Endet hier meine Welt?
 Ein Seehund hebt in der Ferne den Kopf. 
Die Frage beantwortet sich schnell.
Nein, denke ich, die blühenden Gräser in den Dünen betrachtend, in denen es ganz wunderbar kreucht und fleucht und summt und singt.
Das hier, denke ich, ist nicht das Ende der Welt. Aber das Ende der Sehnsucht.
Ich kann mich nicht losreißen.

Es ist ein brütend heißer Sommertag; am Horizont ballen sich Wolken: Vorboten eines abkühlenden Gewitters. Die Tiere richten sich auf die Dämmerung ein. Möwen schlafen auf Zaunpfählen, aufgereiht wie eine Perlenkette. Nur der Lärm der Austernfischer ist ohrenbetäubend: Was die sich wohl noch zu erzählen haben?
Ich erinnere, einst einen Ornithologen gefragt zu haben, ob denn jeder dieser Rufe von Bedeutung sei, im Sinne von: „Achtung!“, „Hier gibt es Fressen“! oder „Flügel weg von meinem Territorium!“. „Nein“, antwortete dieser, „Manchmal kommunizieren die einfach nur so.“

Aha, denke ich, auch Vögel plappern also, und bin froh, dass ich davon gerade nichts verstehe. Denn wie schön ist es, wenn man einfach nur seine Ruhe haben will, die Laute einer anderen Spezies nur als mehr oder weniger wohltönendes Tirilieren, Pfeifen und Zwitschern wahrzunehmen, ohne mit irgendeiner Form von Inhalt belästigt zu werden?

Auf dem Zaun, der Besucher und Hunde entlang des schilfgesäumten Radweges von der Ruhezone der Vögel fernhalten soll, sitzt eine Sturmmöwe. 
Mit ihren runden Köpfchen, den schwarzen Knopfaugen, leuchtend gelben Beinen und ihrer kleinen, kompakten Form haben Sturmmöwen immer etwas leicht Disney-eskes an sich: Sie sind also niedlich, was man beileibe nicht von jeder Möwenart behaupten kann. 
Am Strand sieht man sie fast nie, aber hier, auf dem Weg zum Ostende auf Höhe des neuen Vogelwärterhauses, gibt es eine große Kolonie. In einem kleinen Tümpel badet ein Austernfischer, beäugt von zwei Graugänsen. Ein Löffler schwebt auf großen, weißen Schwingen heran und landet mit einer Eleganz, die man einem derart lustig aussehenden Tier gar nicht zugetraut hätte.
Der Artenreichtum auf Langeoog ist im Hochsommer unbegreiflich. Mehr als einmal muss ich mir bewusst machen, dass das hier wirklich die Natur ist: Wilde, ungezähmte Natur. Und kein Zoo mehr.

Denn manchmal, denke ich, fühle ich mich hier immer noch wie vor der großen Freiflughalle am Berliner Tiergartenufer. Wo ich stundenlang auf eingesperrte Säbelschnäbler, Löffler und Austernfischer starrte, der künstlichen Brandung zuhörte und mich nach der Nordsee sehnte.
Manchmal schriebst du dann gerade etwas. Ich sah zwischen deiner Nachricht auf dem Mobiltelefon und den Seevögeln hin und her, und wusste nicht, welche Liebe ich für die andere lassen sollte.
Später saß ich mit einem Freund, der auch schon lange keiner mehr ist, am Kanal auf der gegenüberliegenden Seite des Tiergartens, und versuchte zu reden. 
„Das mit ihm und mir“, sagte ich, „ich glaube, das stirbt“. Aber der Freund verstand das nicht, denn er hatte immer irgendjemanden, der ihn liebte oder den er zu lieben glaubte, und um uns herum waren so viele hübsche Männer.
„Gefällt dir denn gar keiner davon?“, fragte er. Aber ich sah nicht einmal hin.


Und jetzt bin ich hier. Alle Tiere sind frei.

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