Alle Zeichen stehen auf Hochsommer.

Schwalben begleiten die Inselbahn auf ihrem Weg zum Hafen; auf den Weiden entlang der Gleise blüht roter Sauerampfer.
Die Natur wäre also schonmal so weit.


Ich allerdings trage immer noch Steppjacke und Schal, so wie die meisten anderen Menschen in der Bahn, denn tatsächlich lässt es sich nicht beschönigen: Das Wetter ist grauenhaft.
Auf dem Panoramadeck der Fähre, sonst von Tourist_innen überquellend, gähnende Leere. Nur eine einzige Bank wird von Koffern, Rucksäcken und einem großen Stofftier besetzt. Nieselregen perlt von bunten Strandspielzeugen. Die dazugehörige Familie ist nirgends zu sehen, wahrscheinlich wärmt sie sich gerade bei Tee und Kakao im Schiffsbauch den eigenen.
Der deprimierende Anblick dieses Haufens gründlich verregneter Urlaubsträume bringt mich zu meinen eigenen Ferienplänen:
Ich träume von Helgoland.
Von Basstölpeln, Trottellummen, roten Felsen und zollfreiem Schnaps. Von hoffentlich nicht zu hohen Hochseewellen, meiner Seefestigkeit misstrauend. Von einer Insel, die ich noch nicht kenne.
 Und so besteige ich den Bus Richtung Norddeich Mole, um meine Träume vorab schonmal Fahrkarte werden zu lassen.

Ostfriesisches Nirgendwo zieht an mir vorbei: Abgelegene Gehöfte. Dörfer, in denen Restaurants noch „Speisegaststätte“ heißen. Wiesen, Windräder. Nichts.

Tierarztpraxen mit großen Geländewagen davor. Noch mehr Windräder. Scheunen. Nichts.
Orte, deren einzige Attraktion eine einsame Windmühle ohne Flügel ist, verwaiste Ferienpensionen und irgendwo ein Puff.
Noch mehr Nichts.
Und immer wieder Hinweise, wie weit es noch ist bis zur nächsten Stadt, bis zur nächsten Fähre. Als sei halb Ostfriesland sowieso nur auf Durchreise angelegt.


Man kann das furchtbar trostlos finden. Oder furchtbar erholsam.

Ich indes stelle fest, dass ich süchtig geworden bin. Dass ich den Anblick roter Klinkerhäuschen und ostfriesischer Einsamkeit brauche wie die Luft zum Atmen. Möwen über den Feldern.
 Grün wogende Gerste, deren lange Grannen immer noch so weich aussehen, egal wie oft man sich als Kind schon die Hände daran aufschnitt. Auf dem Feld gegenüber blüht Raps; mit seinem leuchtenden Gelb ein wenig die fehlende Sonne ersetzend.

Der Bus ist winzig, und ich muss meine Knie an das hellblaue Hartplastik der Vorderlehne zwängen, obwohl ich nicht groß bin. Die Fahrgäste schweigen; im Radio läuft Antenne Niedersachsen mit einer abenteuerlichen Mischung aus Schlager, ABBA und 80ies Pop.

„Helgoland!“ strahle ich, am Fahrkartenschalter angekommen. Der Reedereiangestellte in schöner maritimer Uniform druckt gleichgültig mein Ticket: Bitte. Danke.

Sorgfältig stecke ich die Fahrkarte ein. Nur ein paar Wochen noch!
Die Vorfreude steigt.

Der Bus von und nach Bensersiel kommt nur alle vier Stunden, daher stromere ich vor dem Heimweg noch mit einem Becher Tee den Deich entlang zum Strand.
Aber auch hier dasselbe Elend wie auf Langeoog, dem Schietwedder geschuldet:
 Sattgrüne, weiche Wiesen mit büschelweise Gänseblümchen. Kreisende Möwen, üppig belaubte Bäume, Strandkorbidylle und geöffnete Buden. Aber keine Gäste.
Der Strand liegt einsam. Nur hier und da sieht man ein paar Drachen steigen. Die Verkäuferin im Souvernirladen löst ein Kreuzworträtsel. Davor liegen, mangels Kindern unbeachtet, bunte Bälle in großen Körben. Von der Decke baumeln Schwimmtiere mit fröhlichen Gesichtern, die angesichts der Kälte genauso gut am Weihnachtsbaum hängen könnten. 
Im Watt langweilt sich eine Schulklasse in dicken Anoraks.

Ich wandere weiter in Richtung Ort, aber Norddeich ist wirklich nicht hübsch. Es gibt zahlreiche Reha-Kliniken und Erholungsheime, doch die Architektur, einst ambitioniert auf modern getrimmt, wirkt heute seelenlos und altmodisch. Die penible Sauberkeit der Promenade grenzt ans Sterile.
Erst in den Seitenstraßen stößt man auf alte ostfriesische Häuser, gutbürgerliche Restaurants und ein paar Kneipen, oder besser wohl „Schankwirtschaften“.

Ich überlege, in einer davon ein Bier zu trinken: In einer dieser klischeehaften Altherren-Spelunken, hinter vergilbten Spitzengardinen, mit künstlichen Alpenveilchen auf den Tischen.

In Erinnerung gemeinsamer Zechtouren blinkt kurz Sehnsucht auf.
Denn noch lieber, gestehe ich mir ein, tränke ich jetzt ein Bier mit dir, gleichzeitig im Geiste auflachend, weil du so überhaupt nicht in diese Umgebung passt.

„Ich krieg hier nen Koller“, höre ich dich schon schimpfen, die Alpenveilchen in ihrem Zinnkrug energisch beiseite schiebend, obwohl das rollende „R“, ebenso wie die Sprachmelodie, dein eigenes Küstenblut nur schlecht verbirgt. 
Und ich würde denken, dass du ein unzufriedener alter Sack bist — und mich trotzdem für jedes norddeutsche „ist doch Scheise“ (mit weichem „S“) neu in dich verlieben, gefangen von deinem Blick: Neblig-blaues Grau wie der immer dichter werdende Zigarettenrauch.

Es ist schon gut, dass du nicht mitgekommen bist.

In Gedanken verlasse ich die Kneipe und kaufe lieber ein Flaschenbier: Draußen wird es jetzt wieder schön.
Und irgendwo in der Ferne wartet Helgoland.

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