Ich überlege, ob ich dir noch etwas zu sagen hätte.
Einen Zettel könnte ich jetzt nehmen, während ich auf die Gäste warte, aus der Schublade mit dem Kabelgedöns, den vergessenen Mützen und dem Plastikbeutel mit billigen Plüschtieren, und dir schreiben.

Da sind noch all diese Gefühle und all diese Gedanken an dich, aber ich bekomme sie einfach nicht sortiert: Offenkundig ebenso wenig wie die Kollegin ihre Schublade. 


Mein Blick geht zurück zu den Plüschtieren. Winzige Seehunde sind es mit seifig-weichem Chemiefaserfell, denen irgendjemand in einer Fabrik ein Lächeln ins Gesicht stickte und Kulleraugen aufklebte, damit sie irgendein Kind auf der Welt lieb hat. 
Und nun warten sie in dieser Hotelschublade auf ihre Verteilung an Gästekinder.

Es ist die Sorte billiges Spielzeug, wie man es auf der Kirmes gewinnen kann: Beim Ringewerfen an dem künstlichen Froschteich, im Greifautomaten, beim Schießen, beim Dosen- oder Ballwurf.
„Staubfänger“ sagte meine Mutter immer zu diesen, oftmals mit merkwürdigem Knisterzeug gestopften Plüschfiguren, und rückblickend betrachtet waren die Viecher tatsächlich auch oft genug vereinnahmend hässlich.
Aber wie stolz war man als Kind, wenn man dann doch einmal so ein Tier gewann und von einem Kette rauchenden, heiser geschrienen Kirmesverkäufer (SUUPER GEWINNE HIER!!! EIN LOS, EINE MARK!!) über den Tresen gereicht bekam oder der Greifautomat für die mühsam ersparten fünfzig Pfennig endlich eines in den Ausgabeschacht fallen ließ. 
Freilich, es roch nach Mottenkugeln, war fürchterlich bunt und platzte schneller als die meisten Träume, aber zumindest für ein paar Tage hatte man das neue Plüschtier lieb und schleppte es mit sich herum.

Kinder kennen noch keinen Klassendünkel. Und so saß dann das billige, chemisch riechende Kunstfaservieh in seinem Triumph des Neuseins Seite an Seite mit den teureren, pädagogisch und ökobilanztechnisch wertvolleren Spielwaren und griente aufgestickt vor sich hin, bis es irgendwann auf den Dachboden wanderte, zu all den anderen Vergessenen. Damals, denke ich, war Ver- und Entlieben irgendwie noch einfacher.

Und so wird sicher auch einer dieser kleinen Seehunde aus der Schublade einem reichen Gästekind für eine Weile eine Freude machen, allen eventuellen Naserümpfens der Eltern zum Trotz.

Dünkel lernen sie erst später.

„Schau, Friedrich-Nepomuk, die Rechnung muss man immer genau prüfen, die armen Leute sind ja nicht immer ehrlich“, sagt der ältere Herr, und das blonde Kind mit dem eingestickten Polospieler auf der Hemdbrust, dem neuen Arme-Leute-Stofftier im Arm und den winzigen Markenturnschuhen nickt, während der Kellner peinlich berührt dahinter steht und sich ein Lächeln in die Backen zwingt.

Die 20 Cent Trinkgeld lässt er liegen und denkt an die Kirmes des Lebens mit all ihren viel zu teuer bezahlten Achterbahnfahrten, Verheißungen, Hauptgewinnen, Nieten und Trostpreisen; an all den Süßkram und die Bauchschmerzen.

Manchmal schlichen wir als Kinder noch durchs Kirmesgelände, wenn sie bereits wieder abgebaut wurde, und dann lagen da all die Hoffnungen im Dreck: Regendurchweichte Lose und glitzernde Pailetten:
„Leider nicht gewonnen.“

Also, ein Brief.
Aber ich habe keine Worte.
Nach Berlin soll ich, der Wohnung wegen, und ich stelle mir vor, was wäre, wenn ich dich träfe. 
Aber ich will dich nicht sehen. Und nach Berlin will ich auch nicht. 
Ich frage mich, was wäre, wenn du mich plötzlich doch liebtest. Nach all der Zeit vermisstest. Aber wir hätten keine Zukunft.
Ich frage mich, ob ich dich noch liebe: 
Die Antwort ist Ja.
Ich frage mich, ob es etwas änderte: An dem, was uns entzweite.
Die Antwort ist Nein.
Was also schreiben? 
Sei einfach hier, denke ich. Sei hier, nimm mich in die Arme und heb deine verdreckte Niete vom Boden auf: Vielleicht klebt ja doch noch ein bisschen Glitzer daran. Aber du gehst an mir vorbei.


Die Kirmes zieht weiter, und die Seehunde lächeln in ihrem Plastikgefängnis.

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