Unter tiefgrauen Wolkenbergen türmt sich schneeweiße Gischt; fast unwirklich leuchtend in den wärmenden Strahlen der sich tapfer durchs Dunkel kämpfenden Sonne.
Nahezu unmerklich hat sich dieses Jahr der Sommer angeschlichen, denn noch stehe ich in Pullover und Jacke am Strand: Nur die wärmende Kraft der Sonnenstrahlen in meinem Nacken lässt den Juni erahnen.
Aber auch die Pflanzen und Tiere folgen unbeirrt ihrer Jahresroutine. Rosen stehen in voller Blüte, die Zugvogelschwärme haben sich bis zum Herbst verabschiedet, und in den Salzwiesen wachen Pfuhlschnepfeneltern über ihre flaumigen Küken.
Wie beruhigend es ist, der Natur beim Lauf der Dinge zuzusehen. Wie ihre Schönheit wächst, gedeiht, erblüht, vergeht oder sich zu einer anderen Art von Schönheit verändert. Wenn durch die Eisdecke brechende Krokusse duftenden Dünenrosen weichen und diese den leuchtendem Sanddornbeeren, welche wiederum vergehen im Farbenrausch herbstlicher Dünen. Und dann wird es Winter, in märchenhaft pastelliger Einsamkeit.

Wieder ein Jahr ohne dich, denke ich, und verfluche, wie sehr mich mein Zeitgefühl bei dir verlässt.
Denn noch immer bist du bei mir, mit mir auf meiner Insel, und ich frage mich, was du gerade machst. Ich sehe auf die Uhr und vermute dich in deiner kleinen Berliner Küche sitzend, vor einem Kaffee mit Milch; dein Smartphone in einer Hand und die unvermeidliche Zigarette in der anderen. Vielleicht bist du noch müde und streichst dir ab und zu über die heute hellgrünen Augen, blinzelnd im Licht des für dich als Nachtmensch frühen Tages. ich kann dich nicht ohne Zärtlichkeit betrachten. Aber wir müssen allein sein. Du in deiner Küche oder wo auch immer, und ich hier, auf Langeoog am Strand. Es geht mich nichts an, sage ich mir, was immer er macht.

Aber noch immer bist du bist mir nah, und ich möchte dir einen guten Morgen wünschen und deine Stirn küssen, egal, wieviele Kilometer ich auch entlang des Meeres wanderte:
 So ist das wohl, wenn man liebt.

Es wird Zeit für den Weg zurück. Am Strandübergang hüpft eine Dohle ins Gestrüpp. Mit ihrem grauen Gefieder, den leuchtend hellen Augen und ihrer berechnenden Intelligenz erinnern mich diese Rabenvögel an dich, aber trotzdem mag ich sie nicht besonders; warum auch immer. 
Wahrscheinlich, weil die ihnen verwandten Rabenkrähen am Tegeler See zu oft die von mir geliebten Lachmöwen verjagten. „Krähen sind Arschlöcher“ konstatierte einst ein bekannter Ornithologe.
Das gefiederte Arschloch mit den schönen Augen dreht sich noch einmal zu mir um, aber ich habe nichts zu fressen dabei und so hüpft es gelangweilt weiter.

In den Hecken bauen Kreuzspinnen ihr Quartier für den Herbst.

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