„Wenn wir an Land irgendwo Bundesmarine sahen, kriegten die jedes Mal den Arsch voll“, erzählt der alte Wattführer, früher Seemann bei der Handelsmarine, und ich muss direkt lachen. Ich kenne die Geschichte schon, aber bei guten Geschichten bin ich wie ein Kind: Ich muss sie einfach immer wieder hören. 
Und so wähne ich mich mit an Deck seines Schiffes auf sturmgepeitschter See, mit Regen im Gesicht und klammen Fingern pflichtschuldig die Tradition des Flagge dippen befolgend, um das entgegenkommende Schiff der Bundesmarine zu begrüßen.

Gemäß dieser Tradition zog das Handelschiff seine Flagge halb hinab, während das Marineschiff den Gruß mit einer zu einem Drittel heruntergelassenen Flagge erwiderte.

„Ja, und dann mussten wir warten, bis das Kriegschiff seine wieder hochzog, bis wir unsere eigene wieder voll vorheißen konnten. Aber bei Schietwedder kamen die Sauhunde manchmal einfach nicht mehr an Deck! Dann froren wir uns den Arsch ab, bis die außer Sichtweite waren. Aber an Land … wenn wir an Land waren, kriegte die Bundesmarine dafür den Arsch voll.“ Und wenn sie die Flagge einmal rechtzeitig hochgezogen hatten?, frage ich. „Dann kriegten die trotzdem den Arsch voll.“


Es ist ein Bilderbuch-Sommerabend, als wir vor dem Weinladen stehen, unter makellos blauem Himmelsgewölbe, in das sich weich die Dämmerung senkt. 
Ein Männerchor singt Shantys und Seasongs — Gut genug, um eine in heitere Stimmung versetzende, schöne Hintergrundmusik zu liefern, aber nicht so überwältigend gut, dass man in ehrfürchtigem Schweigen davor verharren müsste: Also perfekt für ein Straßenfest. 

Es sind etliche Menschen gekommen, viele bekannte Gesichter inzwischen, und ich genieße den Abend in wohliger Dankbarkeit: Als jemand, der kam, um zu bleiben.

Natürlich wird mir angesichts der alteingesessenen Insulanerfamilien oder Persönlichkeiten wie dem Wattführer klar, dass ich mich wohl niemals wirklich „Insulaner“ nennen können werde, aber das Gefühl von Heimat, das ich hier jetzt schon habe, reicht.
 Es steckt so viel weniger Provinz in den Menschen, als man meint. Denn wie wunderbar ist es, trotz des natürlich allgegenwärtigen Dorfklatsches, von einem Kreis von Menschen einfach als der angenommen zu werden, der man ist? Wo Kunst keine Etiketten braucht und wo die Vergangenheit der Menschen ohnehin so bunt ist, dass sie getrost als das an Land bleiben darf, was sie ist: Nämlich Vergangenheit.

In mancher Hinsicht, denke ich, ist diese kleine Insel größer als Berlin.

Auf der anderen Straßenseite ist eine kleine Hochzeitsgesellschaft. An die blumengeschmückten Fahrräder des Brautpaares sind Dosen geknotet, und alle klatschen, als das junge Paar scheppend davonfährt. 
Wie schön, dass sich hier alle mit ihnen freuen, denke ich, und erinnere die Brautpaare im Pankower Rathaus, an denen man sich genervt vorbeischob, um seinen Pass zu verlängern oder sonst irgendeinen Behördenkrams zu erledigen, missgelaunt „in zwei Jahren seid ihr doch eh wieder geschieden“ denkend. Die Stadt ist wirklich kein Platz zum Bleiben, denke ich. Zumindest für mich nicht.

Langeoog entspannt. Nur der Wattführer hat Stress, weil er mir immer mehr Seemannsgeschichten erzählen muss, auch wenn die Bundesmarine darin gerade mal keine Kloppe kriegt, allein seines herrlich friesisch-rollenden „R“s wegen.
Wie schön es hier ist, denke ich. Es sind so viele Welten in einer. Man kann seinen Lieblingschampagner trinken und dabei von wüsten Hafenbesäufnissen hören, während jemand anderes von der winterlichen Einsamkeit irischer Fischerdörfer singt.

Und nur kurz, ganz kurz, denke ich noch, dass eigentlich du dort singen müsstest. Und an meinen Hafen in Berlin.

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