Die Regentropfen sind wärmenden Sonnenstrahlen gewichen, als ich aus der Apotheke trete. Von der Anhöhe des Wasserturmes aus lasse ich den Blick über sattgrüne Dünentäler schweifen; überlagert von dem betörenden Duft taufeuchter Heckenrosen. Leuchtend gelber Ginster setzt fröhliche Farbtupfer in die Landschaft, korrespondierend mit meinem — jetzt deplatzierten — Friesennerz. Und über all dem spannt sich ein Regenbogen.

Ich denke an Irland. An sattgrüne Hügel mit kleinen Steinwällen und aus ebensolchen Steinen gemauerte Kirchlein; pittoreske Dörfer und fröhliche Melancholie, schäumende Gischt und träumende Dichter.
 Ich wollte schon immer mal dorthin, und nun gibt es noch einen Grund mehr.
Ich sehe uns beide aus einer dieser winzigen Steinkirchen treten: Deine Augen von sattem Blaugrün wie die Tiefe der Irischen See, einen Bund Kleeblätter am Revers, und die schöne Kellnerin aus dem Lieblingspub streut Blumen im bodenlangen, kleeblattgrünen Kleid. Später könnte ich im Pub sitzen mit dir, mein Pint neben deinem, sagen: Das ist mein Mann, und es würde keinen Unterschied machen, für niemanden mehr.
In Irland dürften wir heiraten.

Wenn man die Kleinigkeiten außer acht lässt, dass du Protestant bist und ich ausgetreten bin (wir ergo in dem mit Sicherheit katholischen Kirchlein nichts verloren hätten), und die Gleichstellung immer noch nicht für kirchliche Eheschließungen gilt, so ist es doch beachtlich, wie sehr sich die Welt auch einmal in eine gute Richtung drehen kann. Und dass es jetzt Frauen- und Männerpaare gibt, die noch ein bisschen mehr von einem bisschen Irland in Deutschland träumen dürfen. Noch einmal blicke ich über die sattgrünen Hügel meiner Heimat und lächele.

Ehe. An mir geht wohl der Kelch vorbei, und auch bei dir sehe ich außerhalb meiner Träume wenig Hoffnung, aber es ist doch schön, wenn man für den Menschen einstehen und sorgen darf, der einem nunmal auf der Welt das Allerwichtigste ist, ungeachtet seiner oder ihrer biologischen Grundausstattung.

Abends in der Bar sehe ich auch ein Ehepaar. Sie streiten und die Frau flüchtet verweint aufs Zimmer. Der Mann schleicht hinterher. Wenig später kommt er allein zurück und bittet um Zigaretten und Schnaps. Auch das gehört wohl dazu, denke ich innerlich schmunzelnd, und schenke ihm großzügig ein. Er hinterlässt Unmengen Trinkgeld und hat Dankbarkeit im Blick. Nicht dafür, denke ich: Ich kenne das doch.
Aber meistens verträgt man sich ja wieder, wenn man sich einmal fest füreinander entschieden hat, und das ist auch gut so. Ich wünschte, wir wären jemals so weit gekommen.
Du fehlst mir, und ich schließe die Bar ab und radele allein durch die Nacht, beleuchtet von einem einsamen Vollmond am lackschwarzen Himmel.

Am nächsten Tag ist vom Regenwetter nichts mehr zu spüren. Möwen kreisen über dem Strand auf der Suche nach nicht fest genug umklammerten Eishörnchen oder Schälchen mit Kibbelingen. Über dem silbrig leuchtenden Hafenbecken schießen Seeschwalben in perfekter Aerodynamik hinab, um Beutefische zu erhaschen.

Ich ziehe meine neuen Flipflops aus und wate ins Wasser. Es ist eine schöne Zeit.

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Bild 1: (c) Mary Sanne. Bild 2: (c) Ireland-travels dot com

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