„Eine Sonnenfinsternis in den Fischen ist gut für das Seelenheil“, sagt der befreundete Astrologe, „sie hilft beim Loslassen alter Gefühle und öffnet den Weg für Neues“. Aha, denke ich, und ausgerechnet dem stelle ich mich in Flensburg, deiner Geburtsstadt.

Es fällt schwer, dich mir als plärrendes, rosa Bündel Mensch vorzustellen, das man vor fast einem halben Jahrhundert erst einer erschöpften Mutter und dann einem stolzen Seemann in die Arme drückte, irgendwo hier, in dieser Stadt.
Tatsächlich denke ich aber nicht mehr besonders viel an dich; nicht einmal hier.
Nur beim Anblick der Kirchen frage ich mich, für welche davon man dich wohl in einen Konfirmationsanzug gesteckt hat und in welcher du getauft wurdest: Auf diesen schönen nordischen Namen, der mir viel zu lange Mantra, Fluch und Gebet zugleich war.

Eigentlich weiß ich sehr wenig über dich. Dennoch erstaunt mich immer wieder, wie nah man sich jemandem fühlen kann, obwohl man doch die ersten 40, 30 oder gar 50 Jahre seines Lebens verpasst hat, und er möglicherweise aus einer ganz anderen Kultur, Generation oder Gesellschaftsschicht stammt. Aber so ist das wohl mit der Liebe.

Nichtsdestotrotz gebe ich auch der heilenden Wirkung der Sonnenfinsternis eine Chance, immer noch überrascht von der positiven Deutung des Astrologen. Gab es nicht diese unheimlichen, mittelalterlichen Illustrationen von Dämonen, welche die Sonne anfraßen, um im Falle eines Nichtwiederaufgehens des Himmelskörpers das Gleiche mit den Seelen der Menschen zu tun? Befällt nicht auch die Tiere Panik, kurz bevor es kühl und dunkel wird und dieser eigenartige Wind aufkommt, während die Menschen gebannt auf das Erstrahlen der Korona warten? So war es jedenfalls 1999, als ich begeisterter Zeuge einer Totalen Sonnenfinsternis in Frankreich wurde.
Für diese hier sind auf deutschem Boden nur 86% Verdunklung hervorgesagt: In Flensburg. Darum bin ich also hier, und ein bisschen sicher auch deinetwegen, zum weiteren Abschluss des Ganzen.

Immer noch der Dämonenzeichnung gedenkend, mache ich mich auf den steilen Weg zur St. Jürgen-Kirche, gleich oberhalb der schönen alten Kapitänshäuser in Jürgensby: Ein wenig himmlischer Beistand schadet sicher nicht. Zwischen Krokussen am Fuße der Kirche stehend, suche ich nach der Sonne, welche sich heute unglücklicherweise hinter dicken Wolken verbirgt. Für Sekunden kann man sie jedoch sehen, die angefressene Scheibe, und man spürt den Wind, die Kühle, die hereinbrechende Dunkelheit am eigenartig graurot verfärbten Himmel. Die Amsel im Kirchhof singt ihr Schlaflied. Zwischen den bunten, alten Häuschen in den engen, malerischen Gassen von Jürgensby gehen die Straßenlaternen an: Mitten am Tage. Am Hafen steht eine Gruppe Teenager mit spiegelnden Sonnenfinsternisbrillen und starrt in den Himmel. Die Reflektionen der Spezialfolie kann ich bis hier oben sehen. Ich habe keine solche Brille und riskiere deshalb nur ab und an einen Blick, aber selbst wenn ich nicht hinsehe: Ich fühle die Sonnenfinsternis.
All das Mystische in der Luft und die Unruhe der Tiere. Es ist greifbar.
Fasziniert halte ich inne: Keine Fotos, keine Musik, kein Du. Auch die Amsel verstummt.

Wenig später wird es wieder hell und ich setze meinen Weg fort als Tourist.  Ich denke, wie sehr es mir als Bewohner der St.-Jürgen-Straße auf den Sack gehen würde, wenn ständig Leute in mein Wohnzimmer starrten und Fotos meiner Haustür machten, aber natürlich zücke ich ebenfalls die Kamera, voller Begeisterung für die liebevoll dekorierten Fenster und Räume: Die Bewohner_innen wissen um ihre Exponiertheit.

Zurück in der Innenstadt Flensburgs mit all ihren wunderbaren Giebeln und Höfen kaufe ich ein paar schöne Dinge für die Lieben daheim und besuche einige der Museen, Galerien und lauschigen Hinterhofcafés aus dem Reiseführer; durchaus ein wenig bedauernd, dass ich dich nicht mehr um Geheimtipps bitten kann.

Der Galerist, dem ich eine hübsche  Radierung des Nordertores abkaufe, ist auch gebürtiger Flensburger. Er ist nett und versteht eine Menge von Kunst. Ich erzähle ein bisschen von Langeoog und fühle mich schon weniger fremd.
Ob mir Flensburg gefällt, will er wissen. Sehr, sage ich. Die Sauberkeit, die Höflichkeit der Menschen, die hanseatisch-skandinavische Eleganz und all die schönen Dächer.
Was ich an Flensburg am meisten liebe, erzähle ich ihm nicht.
Es war schließlich Sonnenfinsternis. 

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