„Vom Eise befreit sind Strom und Bäche.“
Nun haben wir hier auf Langeoog weder noch, aber wie sehr verbinde ich dieses Zitat mit dem Ostern meiner Kindheit. Ostern: Dieser Feiertag, der einem mit all seiner farbenfrohen Dekoration und der zurückkehrenden Fröhlichkeit und Aktivität weihnachtssatter Menschen endgültig bedeutete: Es ist Frühling.
Ich liebte Ostern, viel mehr als Weihnachten, obwohl wir uns an Ostern kaum etwas schenkten. Aber man streifte erstmals durch den im Winter verwaisten Garten, auf der Suche nach Süßem, und später noch durch die Natur, irgendwo mit den Eltern. Davor gab es Waffeln oder irgendetwas Ungezwungenes zu Mittag, dem all die klerikale Weihnachtssteife fehlte. Zwar gingen wir auch Ostern in die Kirche, und ich wurde in der Osternacht getauft, aber auch das war etwas Besonderes, weil man sich dafür um 4 Uhr früh im Gotteshaus versammelte und durch die bunten Glasfenster zusah, wie die Sonne aufging am Ostersonntag. „Noch ist nicht Ostern, noch ist Nacht“, intonierte der Pastor dabei immer ernst, um einen von zu frühem Jubilieren abzuhalten, aber das funktionierte selten. Man trat dann hinaus in den strahlenden Sonnenschein, das müffelnde Taufwasser in den Haaren trocknete und im Kirchhof standen die Narzissen Spalier. 
Und dann kam der Osterspaziergang, in dessen Verlauf Vattern unweigerlich den Faustus zum Besten gab.
Ich mochte Faust, den hadernden Geist, und ein bisschen sogar Mephisto, den notgeilen alten Bock. Niemals würde ich, wenn ich ein Mädchen wäre, Schauspieler werden, sagte ich mir damals (und auch meinem Theaterlehrer), wo all die interessanten Rollen doch immer nur für Männer sind. Egal, wie begabt man wäre: Nie wäre man ein Faust oder ein Woyzeck. Gretchen würde man, oder eine Wie-hieß-sie-doch-gleich; achja: Marie. Deren Sohn jedenfalls hieß Christian. Und so sollte auch immer meiner heißen, wenn ich denn einen hätte.
Geschichte.

Und Geschichte ist auch dieser Winter.
Die Vögel singen wie bescheuert in den Hecken, als ich durch den Wald zum Hafen radele. Das zarte Frühlingsgrün der Bäume macht wunderbar leicht ums Herz, denn dieses Grün, so denke ich, hatten deine Augen nie. Überhaupt niemand hat dieses Grün als Augenfarbe, denn selbst den Bäumen wird es nur kurz im Jahr zuteil. Es ist ein seltenes Grün und damit ein Kostbares.
Über den frischgemähten Wiesen stoßen Kiebitze hoch in die Luft und wieder hinab, dabei rufen sie im Walzertakt. Ich freue mich und bleibe ein bisschen stehen; den ungeheuren Luxus eines freien Tages ohne Termine genießend.
Der Deich ist menschenleer; wo im Sommer der Strandhafer lilafarben wogt, liegt noch graubraunes Buschland. Doch auch hier beschließen die Vögel mit turbulentem Treiben das Ende des Winters und ich freue mich über jeden Einzelnen.

Eigentlich ist es doch trivial, denke ich, nachdenklich den grauen, entlaubten Sanddornstrauch betrachtend, an dem mein bester Freund im Sommer Beeren pflückte: Auch er heißt Christian.
Auf jeden Fall ist so ein Frühling doch nichts Besonderes, denke ich. Jedes Jahr kommt er und fegt den Winter von den Ästen. Jedes Jahr bringt er die Vögel zurück, oder zumindest einen Teil von ihnen. Und jedes Jahr befreit er vom Eise Strom und Bäche.
Und dennoch ist da diese Befreiung im Herzen. Als ob die äußere Wärme auch innere Wärme brächte. Als läge Hoffnung in jedem Strauch. Als flöge mit jeder Lerche Leben.
In die Vogelbeobachtungshütte am Flinthörn sind noch keine neuen Schwalben eingezogen, aber ihre Nistplätze hat irgendein guter Geist schon hergerichtet: Von Scheiße befreit sind Dach und Bretter.
Ich trete hinaus in strahlenden Sonnenschein. Der Strand liegt in majestätischer Einsamkeit. Hier bin ich Mensch, denke ich. Und vor allem: Hier darf ich’s sein.

Ich freue mich auf ein neues Jahr Langeoog.

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