Ein bräunlicher Rest Flüssigkeit schwappt in der Flasche, als ich sie mit der Stiefelspitze über den Strand schiebe. Die neuen Stiefel sind zu steif und zu schwer, und ich fühle mich noch ein wenig unwohl darin, aber wenigstens kommt keine Kälte durch an diesem klaren, eisigen Februartag. 
Dennoch erahnt man den Frühling. Die Sonne wärmt bereits zaghaft das Gesicht, und Scharen winziger, bunter Finken bevölkern fröhlich flatternd den Strand. Im Efeu an Häusern und Bäumen zwitschern Spatzen. An den Zweigen der Sträucher drängen ungeduldig erste Knospen dem Licht entgegen. Und auch in mir bereitet sich der Boden für etwas Wunderbares.

Ich liebe dich nicht mehr, möchte ich sagen. 
Was soll man sonst sagen, wenn man von seiner Steuererklärung träumt statt von dir und sich ganz plötzlich morgens nicht mehr als Erstes danach sehnt, die Nase in deinem weichen Nacken zu vergraben und dich anzulächeln, sobald du dich müde brummelnd umdrehst?

Ich bin frei, denke ich, und die Flasche rollt klirrend ein Stück weiter. 
Es ist eine alte Milchflasche, wie ich sie lange nicht mehr sah. Sie ist ganz aus Glas und hat einen Blechdeckel, und ich glaube nicht, dass solche hier noch verkauft werden; zumindest wüsste ich kein Geschäft mit solchen Flaschen. Ich denke, dass es genau die Art von Flasche ist, in die man in Filmen Flaschenpost steckt; einen kleinen zusammengerollten Zettel mit einer Seekarte, einen Abschiedsbrief oder ein Gebet.

Ich betrachte das noch immer rollende Glasgefäß zu meinen Füßen und überlege, was ich dir schriebe von meiner Insel. 
Liebster, schriebe ich. Oder einfach deinen Namen, der mir so lange das Liebste war. Es ist ja auch ein schöner Name. Aber dann wüsste ich nicht weiter.

„Gestern träumte ich von meiner Steuererklärung …“
 — Aber so beginnen wohl eher keine Liebesbriefe. Auch nicht zum Abschied.


Also lasse ich dich einfach mit der Flasche davonrollen und weiß nicht, wen ich jetzt lieben soll. Es ist seltsam, so ohne Sehnsucht. 

Der Strand ist menschenleer. Die einzige weitere Wegmarke, neben ein paar Stücken Treibholz und der Flasche, ist ein aus dem Boden ragendes, oxydiertes Eisenrohr mit einem hölzernen, rot-weißen Poller daneben. Die Farbe splittert stark ab; offenkundig ist der Poller seit vielen Wintern im Dienst, um die Wiederauffindbarkeit des Rohres zu erleichtern. Ich mutmaße, dass im Sommer dort die Fahnen mit den Badeverboten reingesteckt werden — sicher bin ich mir indes nicht.

Aber ich frage mich, ob ich so einen Poller nicht auch in meiner Seele bräuchte. Es ist so leer dort ohne Liebe, und ich weiß noch nicht, ob ich zulassen kann, dass meine Erinnerung an dich versandet, ohne dass ich sie wiederfände.



Manchmal liebt man ja nur die Liebe.
 Ich blicke den Strand entlang zu den kleinen, umherflatternden Vögelchen. Ich kann sie nicht zuordnen, aber ich freue mich an ihren bunten Farben und dem fröhlichen Tschilpen in der unendlich wirkenden Weite des Strandes. Am Flutsaum flitzen Sanderlinge emsig auf und ab; auch diese ein possierlicher Anblick, der mich Lächeln lässt.

Das ist mein Leben, denke ich. Und ich danke für die Zeit mit Dir. Aber nun ist es Zeit für den Frühling.

 Ich werde einen Poller für dich setzen, irgendwo im Sand meiner Erinnerung. Irgendwo, wo ich dich liebte.

„Er ist nicht so nett“, schreibt die Freundin, die dir gerade in Berlin begegnete, und ich muss lachen, weil ich deine grobbürstige Stoffeligkeit so sexy fand. 
Kurz kratzt kalte Sehnsucht an meiner Tür: Ich sehe nassen Berliner Asphalt und das Aufflammen deines Feuerzeugs; die Kontur deiner schönen Lippen im Schein der Flamme.

Sie verlischt. Ich richte meinen Blick auf die Wellen. 
Hinter mir liegen fast vierzig Jahre Leben, denke ich, während auf der Schifffahrtslinie am Horizont ein riesiger Frachter kreuzt, der Waren von A nach B bringt. Werkzeuge vielleicht für Autos in Shanghai, oder Plüschtiere, von denen eines irgendwo in Neuseeland ein strahlendes Kind in die Arme schließt.

Und was bringt mir das Meer? 
Ich frage nicht weiter. Die Flasche habe ich bereits vergessen.

Ich kann das hier, denke ich. Auch ohne dich.

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