Windgepeitscht duckt sich der Strandhafer in den regenperforierten Sand. Mein Schirm ist chancenlos; die Regentropfen eisige Nadeln auf dem Gesicht. Die Schaukeln sind abgebaut, ebenso wie die Strandkörbe. Graue See tost; Baltrum trutzt stolz am Horizont, sich scharf abzeichnend vor wolkenbetupfter Himmelsbläue.

Niemand da, stelle ich fest, die Weite des Strandes überblickend, Händels Largo auf dem iPod, durch dessen zeitlos-schöne Melodie im Hintergrund das Meeresrauschen klingt. Das zarte, glockenreine Vibrato des Kontertenors will so überhaupt nicht zur Rauheit des Inselwinters passen, und doch untermalt er sie zugleich aufs Schönste.

— Liegt denn nicht gerade in dieser Einsamkeit, in dem eisigen Dornröschenschlaf, in den die Insel im Dezember verfällt, nicht auch etwas Filigranes, Zerbrechliches? Natürlich, einerseits die Urgewalt der tobenden Brecher, die schneidende Kälte des Sturmes: Aber andererseits all die zarten Farben. Der hartnäckig gelb leuchtende Ginster in den Dünentälern. Die friedliche Stille in den vereisten Gassen und das Zwitschern der Rotkehlchen in den Sträuchern, noch bevor sich die Sonne aus ihrem farbenprächtigen Bett am Horizont erhebt. Die Sehnsucht der Menschen nach Wärme, eng beieinander sitzend in von Kerzen, Kaminen und Stövchen erleuchteten Kaffeehäusern.

Wie schön müsste es sein, selbst singen zu können, denke ich. Könnte ich singen, ich würde mich am Flutsaum in den Wind stellen und singen, singen, singen, bis mir die Kehle vom Eisregen brennte und die Melodie als ferner Laut verflöge wie das Rufen der Seevögel irgendwo dort draußen. 
Aber es ist mir nicht gegeben, und so sehne ich mich einmal mehr nach dir und deiner schönen Stimme, die mit all ihrer technischen Perfektion, der rauen, warmen Tiefe und den Kratzern des Lebens darin den idealen Gegenpart zu dem seidig über die Melodie gleitenden Kontertenor auf meinen Ohren böte: Die janusköpfige Schönheit des Winters musikalisch illustrierend.


Nachdenklich kehre ich heim und will allein sein mit dir, im Dezemberdunkel.
Ich erinnere dein silbernes Haar und deine vielfarbigen Augen, welche die schwere, graue Kälte einer eisbedeckten Felswand annehmen konnten oder das leichte, warme Blau eines Sommermorgens. Ich erinnere den Sommer, der so endlos schien und jetzt so endlos weit weg ist; ebenso fern wie die Wärme deiner Arme.
Sing mir das Lied von dem schönen, toten Seemann, bitte ich dich, sing, bis die Insel wiederaufersteht, irgendwann im Frühling.
 Aber du willst das Lied nicht mehr singen, überhaupt willst du mir nichts mehr singen: Es sei zu still hier. Vor dem Fenster schlägt eine Möwe mit den Flügeln.

Dein Schweigen lässt den Raum schlagartig erkalten.

„Weit draußen auf dem blauen Meer ..“ souffliere ich verzweifelt, „ … erklingt ein Lied von Wiederkehr … Sing!“ 
Aber du bist nicht mehr da, ebenso wenig wie die Möwe, und jetzt höre ich nichts mehr außer den Fensterläden, die im Sturm an die Hauswand schlagen.

Ich schließe mich ein.
Nur ab und zu schaue ich noch durchs Fenster aufs Meer.


Eine Frau nähert sich. Ich will nicht hinsehen; aber dann bleibt sie stehen und winkt: Zaghaft und freundlich. Wunderschön ist sie, eine Eisprinzessin mit schneeblondem Haar und gletscherblauen Augen, die eine Aura solch majestätisch-winterlicher Einsamkeit umweht, dass man sie gleichzeitig wärmen und sich ehrfürchtig vor ihr verneigen möchte, unschlüssig in welcher Reihenfolge.
Sie lächelt immer noch, und so hebe ich schüchtern die Hand.

Geh mit mir ans Meer, sagt sie, und das vom Seewind verwehte Haar umspielt ihr Lächeln.
Ja, sage ich, das Meer ist auch im Winter schön. Man muss nur genauer hinsehen, und dann entdeckt man all die Farben unter dem Eis. Ja, sagt sie. So ist das wohl.


In den Dünen zeige ich ihr die Blüten des Ginsters. Der Strandhafer verneigt sich. Die Frau sieht mich an und lächelt mit rosig gefärbten Wangen. Ich lade sie ein zum Tee.
Eiskristalle glitzern auf ihrem Schal, als sie ihn abnimmt. Im Café ist es warm, und der Schein der Kaffeehauskerzen untermalt die melancholische Anmut ihrer Schönheit aufs Trefflichste. Der Mensch braucht Schönheit im Winter, denke ich, als ich die Haustür wieder aufschließe.

Aus dem Fenster sehe ich jetzt öfter.

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