Ich brauche Ewigkeiten, um mich morgens anzuziehen. Schließlich entscheide ich mich für beigefarbene Shorts und ein maritimes Longsleeve zu weißen Segelschuhen. Es betont meine schön geformten, braunen Beine, und ich hoffe, dass es ihm gefällt.
Als ich ankomme, ist er nicht da, und mich befällt rasende Panik vor dem Versetztwerden. Gibt es Demütigenderes auf dem Planeten? Aber dann sehe ich ihn den Hang am Deichschart hinunterkommen, in einem ärmellosen aquamarinfarbenen Shirt, das seine sexy Arme betont und legeren grauen Baumwollhosen, die sich an seine schmalen Hüften schmiegen. Er blinzelt in die Sonne und winkt.
Dann steht er vor mir. Ich küsse ihn mit einem Blick. Wir umarmen uns länger, als es „nur“ Freunden zustünde. Zusammen besteigen wir das Schiff.
Das Panoramadeck ist brechend voll, aber wir ergattern noch einen Platz an der Reling. Bald werden die Motoren gestartet und das tiefe, beruhigende Brummen dringt durch das Touristengeplapper wie eine sanfte Melodie.
Die Heckwelle pflügt schneeweiß schäumend durch azurblaue See. Und ich stehe hier mit dem Menschen, den ich liebe: Es könnte kaum schöner sein.
Ich sehe ihn an: Seine Augen haben jetzt das klare, helle Grün leichter, erfrischender Gischt. Seine vollen, klar konturierten Lippen lächeln. Die Menschen um uns herum verschwimmen zu vollkommener Bedeutungslosigkeit.
Mutig legt er einen Arm um mich.
Lass mich nicht los, denke ich. Nie wieder.
Als ich meinen Kopf verträumt an seine Schulter lehne, befreit er sich schlagartig: Aus der Traum.
„Komm, wir setzen uns“, sagt er, und zeigt auf einen freigewordenen Metallkasten unterhalb des Schornsteins, der mit Sicherheit irgendeinen richtigen Namen und eine Funktion hat, aber da ich von Schiffen so viel verstehe wie Kühe vom Schuhebesohlen, weiß ich nichts darüber.
Wir setzen uns auf den sonnenwarmen Schiffsstahl und Jolle reicht mir eine Flasche Flensburger aus dem schier unerschöpflichen Vorrat seiner dunkelblauen Umhängetasche. Dann zündet er sich eine Zigarette an und legt die hellblaue Packung zwischen uns. 
Er trinkt auch ein Flens, obwohl ich weiß, dass es nicht seine Lieblingsbiersorte ist. Aber es ist meine, und darum liebe ich ihn mehr denn je dafür.
„Ich hatte mal einen Freund aus Flensburg“, erzähle ich ohne besonderen Grund, und betrachte gedankenverloren das Etikett mit dem schönen Segelschiff.
Jolles Kopf fährt herum. 
„Ach ja?“ Vernehme ich da ein Quäntchen Eifersucht in seiner Stimme? Bilde dir nicht zu viel ein, sage ich mir. Vielleicht bedeutet dieser Ausflug gar nichts. Vielleicht wollte er einfach nur mal raus, jetzt, wo die Kinder in Kiruna sind.
Er zieht konzentriert an seiner Kippe. 
Sex ist kein Klebstoff, schelte ich mich: Das sollte in unserem Alter bekannt sein. Und mir schon Hundertmal.
„Lange her“, beschwichtige ich. Als Antwort erhalte ich eine Wolke Rauch.

Jolle schweigt und lehnt sich an den weißlackierten Schornstein. Seine noch immer glatte, reine Haut hat in der Sonne einen satten Karamellton. Ich erinnere ihren Geruch.

Ich rücke ein bisschen näher und taste so diskret wie möglich nach seiner Hand. Er lässt mich nur kurz gewähren. Dann steht er auf und sieht, jetzt wieder an die Reling gelehnt, aufs Wasser.


Es liegt eine seltsame Spannung zwischen uns und ich schaffe es nicht, zu genießen. Dabei wärmt die Sonne, die Aussicht ist fabelhaft, und über dem Schiff schießen jagende Möwen wie weiße Pfeile durch den azurblauen Himmel. Eine majestätische Formation Austernfischer dreht sich im Flug. Die plötzliche Sichtbarkeit des weißen Bauchgefieders unter den schwarzen Rücken lässt die Wolke aus Vögeln in der Drehung silbrig aufglänzen wie einen Sardinenschwarm.

Ich erinnere einen Urlaub mit 14, als mein Vater mir in Portugal das Schnorcheln beibrachte und wir unter Wasser in einen solchen Sardinenschwarm gerieten. Es wurde einer der beeindruckendsten und unvergesslichsten Momente meines Lebens.
Ich verharre einen Moment in dankbarer Erinnerung. Dann sehe ich wieder nach Jörn-Ole. 
Wie auf ein geheimes Zeichen hin dreht er sich zu mir um. Er lacht, und auch sein Haar leuchtet silberfarben wie der Sardinen- und Austernfischerschwarm; seine Augen jetzt strahlend blau wie das uns behütende Firmament.
Mit der Hand winkt er mich zu sich.
„Marek. Komm!“ 
Ich eile hinüber und sehe auf die Stelle, die er mir mit ausgestrecktem Arm bedeutet.

Keine hundert Meter vom Schiff entfernt schwimmt ein Seehund. Seine Nase und die Knopfaugen ragen aus dem Wasser. Dann taucht er. Ganz in der Nähe sieht man eine Sandbank mit Dutzenden weiteren Tieren. Ich bin begeistert. „Wie süß“ sage ich, und Jörn-Ole drückt mich erneut an sich. 
Es ist alles wieder gut. Das fühle ich. Ich lege ihm den Arm um die Hüfte: Kurz genug, um kein Aufsehen zu erregen, aber lang genug, um ihm zu zeigen, dass ich zu ihm gehöre. Dass ich sein Freund sein will. Dass es mich ankotzt, wenn die Touristen denken, wir seien nicht mehr als zwei Kumpels auf Ausflugsfahrt. 
Er ist mein Mann, denke ich. Nicht irgendwer.

Aber ich weiß nicht mehr, ob ich für all das hier noch die Geduld habe.

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