Und dann ist man wieder in dem Leben, aus dem man sich befreien wollte:
„Sie können das doch“. „Ja, aber“.
Widerspruch chancenlos.
Und dann sitzt man da, zuppelt Zeitungsseiten im Layoutprogramm zurecht, platziert Anzeigen und erklärt Dinge zum heiligen Gral, von denen jeder weiß, dass die Welt nicht unterginge, wenn er sie nicht hätte, aber letztlich will er sie doch, weil die Werbung so schön ist und das Bild dazu und das Ganze so wahnsinnig now.

Ich weiß nicht, wie man sich als Barkeeper bewerben und letztlich dann doch wieder in der Werbung landen kann, aber letztlich bleibt es wohl mein Schicksal, Texte zu produzieren, welche die durchschnittliche Lebensdauer einer Eintagsfliege haben. Als schrie meine Sprache „verschwende mich!“ in mir.
Aber ich will nichts mehr verschwenden. Kein Gefühl, keinen Text.
Echt sein will ich, nicht käuflich. Aber manchmal frage ich mich, inwieweit ich schon mein eigenes Produkt geworden bin.
— Attention. Interest. Desire. Action. Funktionierte das nicht auch bei dir?

Es war schön, gewollt zu sein.
Ich erinnere deine kleinen Finger, die meinen T-Shirtkragen zur Seite schoben, um mein nacktes Schlüsselbein zu küssen. Deine Bartstoppeln an meiner Wange, den Atem an meinem Ohr und deine weichen Lippen. Dann sahst du mehr von mir.

Es gefiel nicht. Und so landeten wir da, wo jede Werbung landet, die verspricht, was sie nicht halten kann.
Ich wollte nicht täuschen, Liebster.

Ich nehme den Plastikstempel aus dem Fach und archiviere Belege. Dann setze ich ihn auf meine Hand: Erledigt. Erledigt. Erledigt.
Schau nur.
Es müssen noch so viele schöne Worte hinaus.
Du wirst keine mehr kaufen. Nichts mehr kaufen wirst du von mir.
Dann finde ich dieses Bild von uns, damals; dieses Wir, das hätte sein können. Es ist ein schönes Bild, und fast ist mir, als betrachtete ich eine meiner Anzeigen: So schön, warm und friedlich. Quo vadis?
Schau nur, wie glücklich wir sind.
Ich würde das kaufen.

Ich lege das Bild weg und finde ein neues von dir.  Alles ist warm und freundlich, und du lachst. Du rauchst immer noch dieselben Zigaretten, und ich kenne dieses T-Shirt. Gerne fände ich mich neben dir: Lass uns zusammen nach Hause fahren. Komm.
Aber ich bin nicht mehr darauf.
Dein Lachen gilt jemand anderem.

Langsam blättere ich zurück in meinem inneren Hochglanzmagazin: Das da, denke ich, und sehe dir zu, wie du mich in den Armen hältst: Das war doch wirklich ein hübsches Paar.
Ich möchte dich streicheln, aber meine Finger sind kalt wie das Papier.
Es heizt nicht gut in diesem Büro.

Man kann alles vervielfältigen, denke ich plötzlich, und lege das Bild auf den Kopierer. Vielleicht kann man ja die Farbe zurückholen. Vielleicht erwacht es ja wieder zum Leben.

Draußen schlagen Äste im Sturm an mein Fenster. Das Leben, sagen sie, ist jetzt.

Werbung ist kurzlebig. Heute der schöne Schein und morgen …
Ich weiß, was morgen ist. Ich schließe das Büro ab und werfe die Inselzeitung von heute in den Müll:
Stundenlange Arbeit, die morgen als Spielball des Windes noch ein wenig in den Rinnsteinen wandert, bevor die orangefarbene Kehrmaschine des Landkreises Wittmund sie frisst. Die neue Ausgabe? Gleich hinterher.

Ich sehne mich nach Büchern, die, in Leder gebunden, Jahrhunderte überdauern. Beim Abendessen spreche ich mit einem Kollegen aus Wolfenbüttel. Ich erinnere die wunderbare Bibliothek dort mit all ihren bibliophilen Schätzen: Bücher. Atlanten. Uralte Seekarten, die jemand im Flackern einer Kerze mit einem Federkiel zeichnete. Vielleicht war er hübsch. Vielleicht sah er aus wie du. Oder er war eine sie, wer weiß das schon.
Wie gerne wüsste ich all das. All die Geschichten in den Geschichten in den Geschichten. Statt all der schnelllebigen Oberflächlichkeit, durch die ich meine Sprache filtern muss:
Wollen. Kaufen.
Es stank fürchterlich nach Formaldehyd in der Bibliothek. Aber irgendwie muss man die Schriften ja retten.

Ich möchte keine Texte mehr für den Müll produzieren und keine Werbung, die mir alles kauft, was ich will, um dann doch nur im Strohfeuer zu enden. Ich will kein Produkt sein, und meine Liebe hat keinen Preis.
Wenn ich nur wüsste, wie man sie konserviert.

Am Meer male ich den Anfangsbuchstaben deines Namens in den Sand und sehe zu, wie ihn die Wellen verschlingen; an die Mönche denkend, die in wochenlanger Arbeit in ihren Kammern Initiale in Büchern verzierten: Buchstaben für die Ewigkeit.

Ich male meinen Anfangsbuchstaben dazu.
Zusammen heißen wir wie eine billige skandinavische Modekette, deren Klamotten auch nicht gerade Jahrhunderte überdauern.
Das fiel mir früher nie auf.

Sowas, denke ich schmunzelnd, konnte ja nicht halten. Aber die Werbung, denke ich weiter, den Katalog der Modefirma in meinem Nachttisch erinnernd.
Deren Werbung ist wirklich schön.

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(c) Bild: Website der Stadt Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek

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