Er steht auf dieser Brücke — einer, die man kennen sollte, aber deren Name mir gerade nicht einfällt — und blinzelt in die Sonne. Er hat ein Basecap auf und der Mann neben ihm ist sehr hübsch. Was für ein schönes Paar, denke ich, und ich freue mich wirklich, dass es ihm gut geht. Ich sah lange kein Foto von ihm.

Er ist derjenige, den ich liebte vor dir.
Drei Jahre litt ich; zu Unrecht, wie ich heute weiß, denn nicht er war es, der sich damals schlecht benahm: Ich war das. Er hatte eben so viel Anstand, wie man noch Anstand aufzubringen vermag, wenn einen jemand scheiße behandelt. Es tut mir immer noch Leid. Aber es tut nicht mehr weh.
Ich schließe das Bild mit einem Lächeln und freue mich ehrlich für ihn. Es musste enden, und es hatte Sinn, dass er nicht mehr in meinem Leben ist und ich nicht in seinem, auch wenn ich noch genau weiß, warum ich ihn damals liebte. Seine für mich vollkommen makellose Schönheit war es, seine jugendliche Unbedarftheit und Wissbegier; dass er ein Buch war, dessen viele leere Seiten nur darauf warteten, gefüllt zu werden. Dass er jedes Buch las, was ich ihm gab, und die meisten davon liebte. Dass er anzog, was ich an ihm sehen wollte, und ich dabei gar nicht merkte, wie sehr ich ihn zu einer Puppe degradierte. Zu meinem Kunstwerk.
Aber er war mehr, und ich wünsche ihm, dass dieser nette und hübsch aussehende Mensch an seiner Seite das zu würdigen weiß und zur Entfaltung bringt.
Ich durchforste mein Herz nach irgendeinem Restgefühl, aber ich liebe ihn wirklich nicht mehr. Schön ist er immer noch, aber ebenso schön ist das Gefühl, jemanden ohne ein Jota an Selbstbeschiss gehen lassen zu können.
Wie anders ergeht es mir mit dir. Du bist so anders. Und nie hätte ich gedacht, dass ich dich lieben würde, während es mir bei ihm von der ersten Sekunde an klar war.
In dein Buch kann man nichts mehr schreiben. War er in seiner strahlenden Jugend noch ein makelloses Blatt Papier, rein und glatt wie seine Haut, so bist du eine Enzyklopädie, in deren Kapitel du nur wohldosiert Einblick gewährst, und von denen ich viele auch lieber nicht kennen möchte. Natürlich bist auch du schön, ausgehend von der Symmetrie und Ästhetik deiner Gesichtszüge, deiner einprägsamen Stimme und deines überbordenden Charismas, das dich auf die Bühne befehligt wie andere an die Front. Aber es ist keine Schönheit, die einen wie eine Naturgewalt übermannt; der man sich ausliefert, um sich zumindest ein Quäntchen davon zu eigen zu machen, und kostete es den Preis einer Seele.

„Aber irgendwas hat er“, dachte ich anfangs. Und dann hattest du noch so viel mehr, was man an dir lieben konnte, gerade weil man so wenig davon verstand. Und weil man dich nicht mehr formen konnte. Man musste dich lieben, wie du bist, und so hoffte ich, in dir endlich eine reifere Form von Liebe zu finden: Kein Projekt, sondern einen Partner.

Es sollte nicht sein.

Ich denke noch einmal an das Bild deines Vorgängers und es erscheint Lichtjahre weit weg, dass ich eines Tages für dich das Gleiche nicht mehr fühlen könnte wie für ihn. Dankbarkeit: Ja. Ein paar schöne Erinnerungen: Natürlich. Lehren: Immer. Aber keine Liebe mehr. Zumindest nicht diese Art von Liebe.

Es ist ein strahlender, warmer Novembertag, als ich zum Meer laufe, und ich erinnere die kleine Nachtigall, die mir im Sommer an diesem Strandaufgang ein Lied sang. Wie glücklich war ich darüber. Ach wäre das doch ein Zeichen, dachte ich damals, falls es das wirklich gibt: Ein Zeichen irgendeiner tröstenden Macht, die größer ist als wir beide. Die mir den kleinen Vogel schickt, weil du mir nichts mehr singst.
Aber es war nur eine Nachtigall, die tat, was Nachtigallen eben tun.

„Schau mal, der Vogel ist wie du: Klein und auf den ersten Blick unscheinbar, aber er singt wunderschön!“ — mit diesen Worten überreichte ich dir damals meine Zeichnung einer Nachtigall, denn natürlich dachte ich beim Zeichnen des Vogels an dich.
Ich glaube, den ersten Teil des Satzes mochtest du nicht.
Man ist so trampelig, wenn man verliebt ist.

Jetzt ist der Strauch leer und die Nachtigall im Winterquartier. Nur noch einzelne, vom scheidenden Herbst vergoldete Blätter wehen daran, und es wird nicht lang dauern, bis sich Schnee auf die nackten Zweige legt: Bühnenpause, bis der Frühling das Grün zurückbringt und mit ihm den Gesang der Nachtigallen.

Ein Fasan stakst meckernd durch die Dünen.
Irgendwo ruft sein Gefährte.

DSCI0022

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