Niemand redet. Den ganzen Weg von der Vogelschutzhütte zurück schweigen wir, aber wie soll man auch anfangen, nach so einer Situation. Ich weiß, was er denkt, ich sah ihn oft, diesen nach innen gerichteten Blick. Ich fühle sein Chaos, aber ich kann ihm nicht helfen. Wir sind wieder allein.

Und wer will schon in diese Stille brechen mit einem trivialen „Hoffentlich hält das Wetter“ oder „Guck mal, ein Fasan“.
Ich sehe ihn an und er versucht ein Lächeln. Ich lächele zurück und versuche mich zu erinnern, was Leute in Filmen sagen oder machen in so einer Lage, oder sonst jemand, der nicht so ein Soziallegastheniker ist wie ich oder ein norddeutscher Stockfisch wie Jolle.

Mir fällt nichts ein. Also schweigen wir weiter.

Bald erreichen wir den Deich. Das Gras, welches den kaum einen halben Meter breiten, gepflasterten Weg säumt, wurde ewig nicht gemäht; stellenweise geht es uns bis zu den Hüften. Hummeln summen im Klee, dessen dicke, lilafarbene Pompons sich hübsch machen zwischen wilder Kamille, Wiesenhafer und Honiggras. Im Vorbeigehen scanne ich den Klee ab nach einem Vierblatt. Ich habe noch nie eines gefunden, auch als Kind nicht, obwohl wir Stunden auf Wiesen zubrachten, und ich hasste die Wettsuchen mit meiner Schwester, die immer welche fand, aber ich nie. Und dann stand sie da, triumphierend, mit einem ganzen verdammten Strauß, während ich noch gar keines hatte. Manchmal überredete meine Mutter sie dann, mir eines abzugeben, damit ich nicht weinte, oder sie nahm ein Dreiblätteriges und steckte ein Blatt dazu, damit ich zumindest etwas Ähnliches hatte. Ich liebte sie dafür. Aber das Glück lässt sich nicht bestechen, und so finde ich auch heute keines.

Jörn-Ole sieht mich an. Er muss es schon die ganze Zeit getan haben, ohne dass ich es merkte. Seine Augen haben ein helles Türkis, das seinem stolzen Profil im Einklang mit dem dichten, silbernen Haar etwas ungeheuer Edles verleiht. Ich spüre, wie das Begehren zurückkehrt. Und ich kenne diesen Blick. Wir sollten das lassen, denke ich.

Aber es bedarf nur eines weiteren Blickes, bis wir abseits des eilig verlassenen Weges ins Deichgras fallen und Jolles Hand in meine Hose wandert. Ich küsse ihn atemlos und denke gerade noch, dass ich den Satz „ich bin nicht schwul“ nie wieder von diesen wunderschönen Lippen hören will, als ich eine Bewegung im Vogelschutzgebiet jenseits des Deiches wahrnehme. Ein roter Punkt schiebt sich durch das Watt, gefolgt von einigen olivfarbenen. Ich linse über Jolles Schulter, der sich unterdessen mit der Fingerfertigkeit eines Konzertpianisten alle Mühe gibt, mich vollends um meine Konzentrationsfähigkeit zu bringen. „Scheiße“, sage ich. „Was?“ Er sieht erschreckt auf. „Ornithologen.“ Ich weise mit dem Kinn auf die Vogelforscher, während er nur einen nachlässigen Blick hinwirft. „Weit weg“ murmelt er und sein hübsches Gesicht rutscht an meinem Bauch entlang aus meinem Blickfeld. Ich halte ihn fest. „Hast du ne Ahnung.“ Er stützt sich auf die Ellenbogen und macht einen leicht genervten Eindruck. Seine Iris funkeln wie blaue Edelsteine um die vor Erregung geweiteten Pupillen. „Die haben Spektive“, fahre ich fort. „Mit so einem teuren Swarovski kannst du auf die Entfernung Spatzen beim Scheißen beobachten, und zwar en Detail.“ Er lacht leise. „Na und?“, sagt Jolle und taucht erneut ab. „Mir scheißegal. Die stehen doch auf Vögeln. Sollen sie haben.“
Natürlich ist das Wortspiel schlecht und überdies grammatisch inkorrekt, aber ich muss trotzdem lachen. Und wenig später ist es mir ebenfalls scheißegal.

Ich knöpfe mir die Hose zu, während Jörn-Ole dezent ins Gras spuckt, offenkundig ein Naturtalent. Stockhetero, denke ich spöttisch und drehe mich auf den Bauch; mit dem Arm nach einer Taubnessel als Dessert hangelnd. Wir teilen uns die süßen Blütenkelche und ich kuschele mich an seine Brust; mit der freien Hand seinen nackten Bauch unter dem T-Shirt streichelnd.

Plötzlich stiebt ein gewaltiger Schwarm Säbelschnäbler auf. Der Lärm ist ohrenbetäubend: Panik unter den Tieren.

„Verdammt, waren wir das?“ Jolle sieht mich fragend an. „Ich hoffe nicht“, erwidere ich. „Sicher ein freilaufender Hund mit seinem ungezogenen Menschen im Schlepptau. Scheiße, sowas.“ Er nickt.

Minuten später legt sich der Aufruhr. Aber jetzt wissen wir, dass wir nicht mehr allein sind am Deich. Ungern löse ich mich aus seinem Arm. Ich streiche sein von mir zerwühltes Haar zurecht. Er küsst mein Gesicht. Es nützt nichts.

Als wir den Weg betreten, sind wir wieder nicht mehr als Bekannte. Der Kneipenwirt und sein Gast. Golden senkt sich die Sonne auf die Hallig am Horizont. Schemenhaft erkenne ich das Vogelwärterhaus.
„Jörn“, sage ich, einer spontanen Idee für einen garantiert ungestörten Nachmittag folgend, „Lass uns nach Hendrikshooge fahren. Mit deinem Boot. Ich weiß, wann der Vogelwart nicht da ist.“
Er sieht mich an, als habe ihn etwas gestochen. „Das geht nicht!“ ruft er so laut, dass erneut der Warnruf eines Säbelschnäblers erschallt. Ich bin verwirrt. „Aber … die Christine kann doch problemlos da anlegen?“ Er zerrt das abgewetzte Stück Tau aus seiner Tasche und knotet nervös daran herum. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Was war denn falsch daran? Ratlos sehe ich zu, wie er nach Worten ringt.
„Ich fahre nicht mehr raus. Nicht zur Hallig und auch sonst nirgendwohin. Die Christine bleibt, wo sie liegt.“
Er beendet den Satz mit einem hörbaren Ausatmen. Dann erst bemerkt er das Tau in seinen Fingern. Er steckt es weg.
Ich wundere mich, aber ahne, dass ich wohl besser nicht nachfrage. Ich sehe das Meer in aller Unschuld an die Ufer der kleinen Hallig branden. Hendrikshooge.
Irgendwas ist da draußen, denke ich. Etwas, das ihm noch näher ist als ich.

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