Das Grauen nimmt kein Ende. Ich poliere Besteckteile und versuche, mit jedem in den Korb fallenden Messer, mit dem metallischen Scheppern aufeinanderfallener Gabeln, irgendetwas von der Kakophonie da draußen zu übertönen, aber es gelingt nur schlecht.

Der Süddeutschen Zeitung zufolge ist heute „Tag der schlechten Wortspiele“ — demzufolge ist es zumindest passend, dass man jemanden für einen Live-Auftritt auswählte, der seinen Stil als „Waterkantry“ bezeichnet: Hafenlieder mit Country-Anklängen. Bereits die vor Schreibfehlern strotzende Ankündigung ließ nichts Gutes vermuten, und nun wiesele ich kellnenderweise seit drei Stunden durch diese akustische Apokalypse und sehne mich nach deiner schönen Stimme.

Ein Schifferklavier hat der Mann und eine Gitarre; die Luft ist erfüllt vom Duft wacholdergeräucherter Makrelen. An sich nicht die schlechtesten Voraussetzungen zur Schaffung maritimen Flairs, allerdings: Er „singt“ so grauenvoll, dass allein die Benutzung dieses Verbs mich Überwindung kostet.

Durchaus klingt der Mann nach Hafenkneipe; allerdings mehr nach jener Fraktion vor der Bühne, die fürchterlich bezecht einfach alles mitgrölt, was die Tradition und Einsamkeit norddeutscher Männer an Liedgut auf Lager hält.
Ich bin mir sicher, dass du dich melodischer übergeben könntest als dieser Mensch in sein albernes Headset röhrt.

Die Gäste bestellen Schnaps und ich kann es ihnen nicht verübeln.

Eine bereits optisch tragische Gestalt ist er, der Musikus: Ein zerfurchtes Gesicht unter der Elbseglerkappe, in fürchterlichen Schlaghosen und mit einem Akzent, der nicht einmal auf ein gebürtiges Nordlicht schließen lässt. Meine Sehnsucht nach deinem schönen Gesang wächst ins Unermessliche.

Was gäbe ich, um jetzt dir zuzuhören! Nicht hier im Hotel, sondern dort, wo du hinpasst. Wo man träumen kann, mit dir und von dir, im Schein goldener Lichter, hinter den großen Lilien — und all der Großstadtlärm und -dreck bliebe draußen vor der Tür. Die Erinnerung wärmt noch einen Winter später.

Seemannslieder können so schön sein, denke ich. Fernweh verbreiten können sie, Sehnsucht schüren und den Duft nach Weite, Salz und Meer in jede verräucherte Kaschemme tragen. Aus den Zuhörenden eine kleine, verschworene Schiffsbesatzung machen für den Moment. Verbrüdern und Berühren.

Bilder können sie wecken, aus vergangenen Zeiten, von einem entbehrungsvollen Leben, großen Abenteuern, Trauer, Loyalität, bangem Warten auf Heimkehr am eisverkrusteten Kai, leuchtenden Molenfeuern in der Nacht und warmen Ofenfeuern im Winter.

Komm, denke ich: Komm und sing, damit der da die Klappe hält und die Leute wissen, wie sich sowas anhören muss. Wie man singen muss, damit ein Mensch ein Lied nie wieder vergisst und die Welt um sich herum zumindest für einen Moment. Und dass es noch lange keinen Seemannscharme verleiht, wenn man lediglich nach 45 Jahren Schnaps und filterlosen Zigaretten klingt.

Aber natürlich wäre das hier unter deinem Niveau. Es muss schlimm sein für einen Künstler, aufzutreten, wenn die Leute um einen herum essen, niemand klatscht und erst Recht niemand zuhört — auch wenn man um die Definition von „Kunst“ hier definitiv streiten kann. Dazu noch in einer Umgebung, in die man schon optisch nur als ramponiertes Exotikum hineinpasst. Du hättest es nicht verdient, so zu enden.
Aber lieber als ihn hörte ich dich doch.

Feierabend, sagt der Vorgesetzte, und ich lasse dankbar die Löffel fallen. Als ich aufs Fahrrad steige, röhrt der Troubadix noch immer.
Auf dem ipod singt Reinhard Mey: „Ich wollte wie Orpheus singen“. Das Lied hatte ich einst von dir bekommen; ich weiß nicht, ob aus Eitelkeit, Bescheidenheit oder aus beidem. Auf jeden Fall ist es sehr schön, und die Zeile „kein Fels ist zu mir gekommen, mich zu hören kein Meer“ lässt mich lächeln. Das werden wir ja sehen, denke ich.
Das Meer liegt ruhig und schwarz unter einem Sternbetupften Nachthimmel. Hör mal, sage ich dem Meer und tippe auf den ipod.

Es hört dir zu.

nachtigall ufer - Arbeitskopie 2

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