„Vielleicht sollte ich doch mit Nenni zusammenziehen.“

Ich fahre herum und starre ihn an. „Bitte was?“

„Vielleicht hat die Schneider ja Recht. Ich hätte wieder eine intakte Familie, jemand kann sich um die Kinder kümmern, wenn ich tagsüber schlafen muss, und Nenni kann doch auch hier Yogastunden geben, bei euch im Hotel vielleicht, das wäre doch was.“ Eher fackele ich das Haus eigenhändig ab, denke ich, und muss mir extrem auf die Zunge beißen. Jetzt bloß nicht überreagieren. Aber natürlich ist „Schäumen“ für meinen Gemütszustand gar kein Ausdruck.

„Du hast eine intakte Familie!“ gifte ich, „Aino ist eine wunderbare Mutter, auch wenn ihr getrennt seid, und ihr wärt ja nun wirklich saublöd bis verantwortungslos den Kindern gegenüber, wenn ihr dein bisschen Einkommen ihrem vorziehen würdet!“

Jolles Mine verdunkelt sich. Scheiße, das mit dem Geld hätte ich lieber gelassen. Natürlich weiß er, dass ich Recht habe, aber welcher Mann lässt sich das schon gern sagen? Zumal jeder auf der Insel weiß, dass Aino mit ihrem schwedischen Ingenieurinnengehalt auch einen beträchtlichen Teil der Pacht für den „Anker“ zahlt.

Dass sie dafür in Kiruna lebt, weil der Bergbau in Deutschland nunmal ausstirbt, und also die Kinder selten sieht, lässt sich dabei nun einmal nicht vermeiden, und es macht sie nicht automatisch zu einer schlechten Mutter. Bei der zum Fremdschämen peinlichen Nenni machte ich mir da eher Gedanken. Es hatte schließlich Gründe, dass sie ihre eigenen Kinder nicht sehen durfte. Aber das war Jörn-Ole in seiner blinden Verklärung dieses dürren Subjektes offenkundig nicht beizubringen.

Er lässt ein grollendes Ausatmen hören. „In erster Linie habe ich meine Kinder verantwortungslos alleine gelassen, weswegen sie heute in der Schule nicht angekommen sind. Ich kann nicht von Nenni erwarten, dass sie die Kinder bringt und Ersatzmutter spielt, wenn sie hier immer nur zu Besuch ist. Darum ging es ja gestern auch.“
„Darum, dass sie bei dir einziehen will?“ Bei dem Gedanken daran, jeden Tag ihre verfickten rosa Gummistiefel mit Absatz (gibt es eine albernere Erfindung auf der Welt, außer vielleicht Flipflops mit Absatz?) vor der Kneipe stehen zu sehen, wird mir so schlecht, dass ich geradeheraus vom Steg kotzen möchte.

„Nein, sie will … ach, vergiss es!“ Mit diesen Worten dreht er mir das Gesicht zu und sieht mich fest, fast böse an, während sich das klare Hellblau seiner Augen zum Grüngrau chemisch kontaminierten Abwassers verfärbt. „Ich werde sie allein deshalb fragen, ob sie bei mir einzieht, damit ich keine … Dummheiten mehr mache, wenn ich allein bin“. Bei dem Wort „Dummheiten“ wandert sein Blick so unmissverständlich und angewidert an mir auf und ab, dass mir schwindelig wird. „Dummheiten“, wiederhole ich tonlos.

„Und im Übrigen wäre ich jetzt lieber allein, Marek.“

Ich kann kaum ein „Okay“ hervorpressen, erhebe mich aber. Ich bin eine Dummheit, denke ich. Und diese unsägliche Person wird noch belohnt. Es ist so ungerecht, dass ich schreien möchte. Ich kann so nicht gehen.

„Jörn“, mache ich einen letzten Versuch, von dem ich weiß, dass er mir das Genick brechen wird. „Könnte es nicht sein, dass … also, dass Janina mit den Kindern weggefahren ist? Dass sie sie entf…, also, mitgenommen hat? Ohne dir davon zu erzählen?“ Er fährt herum, als spränge ihm etwas ins Genick, und ist mit einer wieselflinken Bewegung auf den Beinen: „Sag mal, tickst du nicht richtig? Du unterstellst gerade nicht allen Ernstes meiner Partnerin, meine Kinder zu entführen? Hast du sie noch alle?“ Seine Augen sind nur noch glühende Funken, und seine schönen Lippen, die ich vor Minuten noch küsste, sprühen Speichel. „Nenni hat meine Kinder nicht! Warum sonst hätte Matti mir denn noch geschrieben, dass sie in der Schule sind? Das ist jetzt jawohl verdammt dünnes Eis! Irgendwas ist auf dem Schulweg passiert, ja, aber Janina hat nichts, aber auch gar nichts damit zu tun! Deine Fantasie ist krank! Aber falls du es wissen willst, und es in dein pathologisch eifersüchtiges Hirn noch reingeht: Ich habe deutlich gehört, dass Nenni das Haus bestimmt eine Stunde vor den Kindern verließ! Und jetzt verpiss dich von meinem Bootssteg!“

„Ja, aber was ist denn, wenn Nenni gar nicht das Frühschiff genommen hat, sondern die Kinder auf dem Schulweg abgefangen hat mit irgendeiner Ausrede und …“
In einer hilfosen Geste hebe ich die Arme und mache einen Schritt auf ihn zu. Er schubst mich mit einer Kraft von sich, die ich seinen winzigen Händen gar nicht zugetraut hätte. „Halt endlich die Fresse! Und ich will dich hier gottverdammt nie wieder sehen!“

Ich taumele zurück, fange mich aber schnell wieder.
Was bildete sich dieser cholerische, versoffene, alte Sack eigentlich ein? Natürlich liebte ich ihn. Natürlich war er immer noch schön. Trotzdem könnte ich ihm gerade links und rechts eine scheuern, nur, damit er endlich mal aufwacht.
„Ja, dann frag sie doch, gottverdammt!“, brülle ich ihn an, „Ruf deine beschissene Ficke wenigstens an und frag sie, ob sie die Kinder hat!“ „Ich kann sie nicht anrufen, weil sie in ihrem gottverdammten Ashram nichtmal Telefon hat, du blöde Schwuchtel!“ schreit er zurück, aber an diesem Punkt bin ich bereits auf der Treppe zum Deich. Von oben sehe ich noch, wie er an Bord der „Christine“ springt und in die winzige Kajüte verschwindet. Zu meiner Genugtuung sehe ich aber auch noch, wie er nach dem Telefon greift. Irgendeine Möglichkeit wird er schon finden.

Ich mache mich wütend, enttäuscht und verletzt auf den Heimweg. Nie wieder werde ich irgendjemandem helfen. Nie wieder. Und schon gar nicht so einer blöden Schrankschwuchtel.

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