Auszug aus Kapitel 4

(…)

Den Rest des Tages kann ich mich nicht konzentrieren. Ich weiß, dass ich es ihm sofort sagen müsste, dass es meine gottverdammte Pflicht wäre, es ihm zu sagen, aber ich weiß nicht, wie. Feige bin ich, aber weiß man denn nicht, was mit dem Überbringer schlechter Nachrichten passiert?

Zumal es brechend voll war heute am Anleger. Was, wenn Wojciech sich vertan hat? Würde Jolle dann nicht nur mich hassen, sondern den armen, unschuldigen Wojcek noch dazu? So, wie er die dumme Trulla vergöttert. Eines steht jedenfalls fest: Wenn ich sie zu Unrecht beschuldige, habe ich im „Anker“ lebenslang Hausverbot. Und Jolle für immer verloren.

Ich muss das irgendwie anders deichseln.

Nach der Arbeit radele ich zum „Anker“. Jolle steht auf dem Steg vor seinem Jollenkreuzer „Christine“ und raucht. Nervös auf und ab tigernd tippt er auf seinem Telefon herum und redet mit irgendjemandem. Dann steckt er das Gerät mit einem resignierten Sinken der Schultern in die Hosentasche und setzt sich auf den Bootssteg, die kurzen Beine knapp über dem Wasser hängend. Er sieht wirklich verzweifelt aus.

Ich trete so vorsichtig an ihn heran, wie es der Anstand in so einer Situation gebührt, aber hörbar genug, damit er nicht erschrickt.
„Jörn“, sage ich. Er sieht auf und nickt. „Was Neues?“ frage ich, mich gleichzeitig für meine berechnende Verlogenheit verabscheuend. Er klopft mit der Hand leicht auf die Bretter neben sich und sieht raus aufs Wasser. Ich setze mich und gebe ihm Zeit.

„Nein“, beginnt er schließlich. „Nichts. Und die verdammte Lehrerin macht mir in einer Tour Vorwürfe. Kein Lebenswandel für Kinder, gehören zur Mutter, und so weiter. Scheiße.“ Jetzt ist es an mir, zu nicken. Ich kenne die alte Schneider und weiß, wie ewiggestrig sie ist. Die kommt schließlich auch seit 10 Jahren zu mir ins Hotel zum Tee und fragt mich immer wieder, warum so ein hübscher, junger Mann eigentlich keine Freundin hat. Zum Mäusemelken.

„Ich hab … also … gestern …“ „Ja?“ Er seufzt. „Eigentlich wollte Nenni die Kinder zur Schule bringen.“ Ich wittere einen guten Zeitpunkt zum Dazwischengrätschen: „Ja, aber? Wo ist die denn eigentlich?“ Jolle windet sich, sichtlich unangenehm berührt. Ich kann meine Neugier kaum aushalten. Gib mir einen Hinweis, denke ich. Etwas, das die Sache von allein klärt. Bitte.
Zeitgleich hasse ich es, mit ihm über sie zu sprechen, aber es geht gerade nunmal nicht anders: Die Kinder sind wichtiger.

„Okay, also wir hatten ein bisschen Stress gestern Abend, dann wurde es spät im ‚Anker‘, und als ich aufwachte, war sie weg und die Kinder auch. Matti hat mir aber noch einen Zettel hingelegt.“ Mit diesen Worten greift er in seine Tasche und zieht ein kariertes Papierchen heraus, darauf eine Wachsmalkreidensonne mit einem ungelenken Erstklässler-„GUTEN MORGEN PAPA SINT IN DER SCHULE“. Die Sonne lacht. Es ist ein Marienkäfer daneben. Er ist blau, hat 5 Beine und eine Schultüte. Auch er strahlt uns an. Ich schlucke.

Jolles Faust schließt sich um die lachende Sonne, die jetzt ein verknittertes Gesicht macht. Dann senkt er den Kopf und weint. Er schluchzt nicht, aber die Tränen laufen in zwei geraden Bächen seine Wangen hinunter und tropfen auf seine Jacke. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich sehe ihn an und mich erschreckt, wie er es schafft, gleichzeitig alt und wie ein Kind auszusehen, so, wie er dasitzt, mit gebeugten Schultern und den Beinen über der Stegkante.

Ich berühre seine Schulter, aber er zuckt zusammen, also lasse ich meine Hände wieder sinken, unschlüssig, was ich damit anstellen soll.

Dann fühle ich seine Hand auf meiner. Ich halte die Luft an. Gab es dafür keinen schöneren Augenblick? Gerade jetzt, wo ich mich so schäbig benehme und ihm etwas sagen muss, das sein Leben um eine Katastrophe reicher machen wird? Es hilft nichts. Aber natürlich fühlt es sich trotzdem schön an. Sehr. Ich drehe ihm die Handfläche entgegen, und seine Finger fahren zwischen meine. Ich drücke sie leicht.

Wir sehen uns nicht an. Niemand spricht.

Dennoch schwant mir in diesem Moment, dass die übernächste Katastrophe gleich neben ihm sitzt.

Jolle dreht mir langsam das Gesicht zu. Seine Tränen versiegen. „Ich bin ein furchtbarer Vater“, sagt er mit einer Bestimmtheit, die keine Interpretation als Frage zulässt. „Absolut furchtbar“. Er tut mir so schrecklich Leid.

Und dann küsse ich ihn.

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