Eine Schar Wildgänse zieht rufend über den in eisiges Pastell gefärbten Novemberhimmel. Auf die rotgepflasterten Straßen senkt sich Nebel. Dort, wo die Cafés und Restaurants in den vergangenen Monaten Wärme und Betriebsamkeit verströmten, gähnen leere, dunkle Fenster vor ausgeräumten Blumenkübeln. Auch die hübsche Eisverkäuferin ist nicht mehr da, und statt ihres zauberhaften Lachens sieht man ein Schild über der Verkaufsluke: Wir kommen wieder im März.

Ich bleibe.

Ich bewege diese Worte in meinem Herzen und suche nach dem warmen Wohlgefühl, das sie auszulösen bestimmt sind, aber ich fühle nichts. Immer bleiben die Worte hängen an einem kalten und scharfkantigen  „vielleicht“, bevor sie mit dem Gefühl von Heimat auf dem Grund meiner Seele zu einem Zuhause verschmelzen könnten.

Einmal mehr frage ich mich, was dieses Unstete in der Gesellschaft eigentlich mit uns macht: Befristete Verträge, befristete Beziehungen. Und immer ist man nur so lange gut, wie etwas vermeintlich Besseres um die Ecke kommt. Oder Billigeres. Oder auch nur jemand, der sich besser aufs Klüngeln versteht: Next, please.
Ich hatte noch nie einen unbefristeten Vertrag. Das ist mein erster. Aber wie viele Dinge für eine angebliche Ewigkeit hielten dann trotzdem keine 6 Monate? Ich will nicht larmoyant sein oder pessimistisch, aber doch ist sie da, die Angst, die bösartig kichernd hinter mir herschleicht, ihr Mantra in meinem Ohr: Du schaffst das nicht.
Und dann ist es weg, dein Langeoog, genau wie er.

Ich sehne mich so sehr nach Stille.
Aber auch die Insel tut sich noch schwer damit. Die Straßen sind bereits leer, aber noch immer quellen kreischende Kinderhorden aus den viel zu engen Gängen der Geschäfte und auch am Strand übertönt der Tumult der Touristen alles, was die Natur uns zu sagen hätte.

Mich macht das traurig. Ich wandere die Höhenpromenade entlang auf der Suche nach Ruhe. Heute habe ich nicht einmal Lust auf den ipod. Meine Insel macht schließlich auch Musik, denke ich. Und nichts ist schöner als jene Musik, die die Winterstille im Norden gebiert.

Die Priele liegen quecksilberfarben unter der untergehenden Sonne, rötliche Lichtstreifen zittern im Wasser. Baltrum schläft träge unter einer grauen Nebeldecke, kaum aus dem Wasser ragend wie ein Alligator im Tümpel. Die Seevögel sieht man nicht: ich vermute sie zusammengerottet auf der Sandbank.

Vorsichtig klettere ich die hohe Abbruchkante hinunter, welche die letzte Sturmflut in den Strand gespült hat, einmal mehr gewahr werdend, wie sehr wir der Natur doch scheißegal sind und wie furchtbar unbedeutend obendrein.
Auf den Schaukeln ist niemand, aber heute habe ich auch dazu keine Lust, und so setze ich mich auf eine Bank, ganz an den Rand, als bräuchte ich noch Platz für jemand anderen.

Du fehlst mir entsetzlich.

Ich stelle dich neben mir vor: deine Augen heute hellgrau wie der Nebel über Baltrum. Ich weiß nicht mehr, welchen Schal du im Winter trugst, aber du hättest einen um, und wenn man ihn an sich nähme, wäre er warm von deiner Haut und röche nach dir; man könnte ihn an sich drücken, mit ins Bett nehmen, daran riechen und in den Stoff weinen, bis all der Schmerz endlich fort ist und du nur noch jemand, den man mal liebte, irgendwann.

Ich fühle deinen Atem an meinem Ohr, du erzählst irgendetwas, und deine wunderschöne, tiefe, warme Stimme untermalt die Musik der Insel mit einer zauberhaften Melodie, die all die Schönheit meines geliebten Nordens zur Perfektion bringt.
Was für ein Kontrast dagegen die Kakophonie des Gebrülls um mich herum, das die Stille zerstört, statt sie zu vollenden.

„Bleib“, sagst du. Du schaust mich so sanft an, wie ich es ewig nicht von dir sah, und deine Augen verfärben sich dunkelblau wie die hereinbrechende Nacht. Dann bist du fort.

Es wird kalt: Auch ich verlasse den Strand.

Im Herrensalon des im dezenten Kolonialstil gehaltenen Hotels, das mit seiner maritimen Eleganz zugleich an eine Kapitänskajüte erinnert, nehme ich einen Tee und schreibe.

Als ich zum Essen ins Restaurant umziehe, ist nur noch im Gesellschaftszimmer Platz; die Wände getafelt mit Hochzeitsfotos von Paaren, die sich auf Langeoog das Ja-Wort gaben. Es ist keines mit zwei Männern dabei, trotzdem versuche ich, mir eines von uns dazwischen vorzustellen, unfähig, die wintermelancholischen Kitsch-Gäule in mir im Zaume zu halten.
Die Vorstellung ist so absurd, dass ich laut lachen möchte: Du in deinem wohl einzigen, räudigen Jackett, mit dem du seit 30 Jahren über irgendwelche Bühnen tingelst und einem welkenden Veilchenbouquet daran, ein „Kann ich jetzt endlich eine rauchen?!“ im Gesicht, und ich mit einem Blick, der sagt: Von nun an geht’s bergab.
Wir sind nicht dazu geschaffen: Und füreinander wohl auch nicht — egal, wie sehr ich das noch verleugne.

Kurz denke ich an die kleine Nachtigall, die ich dir zu Weihnachten zeichnete und frage mich, ob du sie noch hast. Bald ist wieder Weihnachten, deinen Geburtstag habe ich schon verpasst. Soviel Zeit, denke ich. Und sie heilt gar nichts.
Dieses Jahr muss ich kein Geschenk für dich kaufen.

Der Champagner schmeckt mir nicht mehr, ebenso wenig wie das Essen. All die Schönheit, das Kerzenlicht, die Freundlichkeit der Menschen und die Wärme um mich kommen nicht gegen die Hässlichkeit und brachiale Stumpfheit jenen Gefühls an, dass ich in deinem Leben nicht mehr existiere; dass deine Stimme auf meinem ipod das Einzige ist, was bleibt gegen den Lärm in meinem Inneren.

Beim Verlassen des Restaurants empfängt mich Stille: Geht doch, denke ich.

Ich fahre heim und erwarte den Winter.

Bildschirmfoto 2014-11-06 um 21.05.32

hendryks nachtigall

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