Der Gedanke an sie lässt das Bier augenblicklich schal schmecken. Es ist so ungerecht.

Ich betrachte Jörn-Oles charismatisches Profil mit dieser typisch nordischen Nase, den hohen Wangen und seinem energischen Kinn, das trotzig wirken könnte, wären da nicht diese schönen Lippen: voll und sinnlich, aber klar konturiert genug, um nicht vulgär zu wirken. Seine kleinen, runden Ohren werden von silbermeliertem, dichtem Haar umspielt, das sich an den kürzesten Stellen wellt und meistens einen Friseur nötig hätte.
Seine von feinen Lachfältchen umkränzten Augen sind eigentlich zu klein und ein bisschen asymmetrisch, was ihnen aber etwas sexy Verschlagenes verleiht; gleichzeitig haben sie etwas Melancholisches an sich. Die Farbe variiert je nach Licht und Laune zwischen einem hellen Jadegrün, klarem Azurblau oder dem eisigen Grau eines Bergmassivs, mit sämtlichen Zwischentönen, und ich kann mich einfach nicht satt daran sehen.

Sieh mich an, denke ich: Sieh mich.

Mika und Matti, Jolles Kinder aus seiner früheren Ehe, reißen mich aus meiner Sehnsucht. „Marek! Ein Schneehuhn!“ Zwei Paar große dunkelblaue Augen schauen mich erwartungsvoll an. Die Augen ihrer finnischen Mutter Aino.
„Na gut“, sage ich, da es ja nicht schaden kann, sich den Ellerschen Nachwuchs warmzuhalten. „Hurra“ jubeln die beiden und stürmen hinter den Tresen. „Papa, Papier! Marek malt uns ein Schneehuhn!“ Niemand, der ihn jetzt ansieht, hätte es wahrgenommen, aber ich registriere es: Das kleine, kaum merkliche Zusammenzucken bei dem Wort „Schneehuhn“. Es tut mir leid, denke ich. Und ich ahne, was als Nächstes kommt. Sag’s nicht, flehe ich Mika im Geiste an, aber er sagt es: „Papa, wann kommt die Mama?“ Ich senke den Blick. Jolle hält einen Moment in seiner Geschäftigkeit inne. Dann zieht er Block und Stift aus der Tasche und hält es dem Jungen hin: „Hier“, sagt er. „Bring das Marek“. Ich werfe ihm einen entschuldigenden Blick zu, aber er ist schon längst wieder am Zapfhahn zugange.

Eigentlich arbeite ich in einem Hotel, aber da ich das künstlerische Talent meines Vaters erbte, eines Medizinhistorikers, der auch vortrefflich antike medizinische Instrumente und -Bücher restauriert, zeichne ich ab und zu Sachen für die hiesigen Tourismusprospekte: Am liebsten Vögel.

„Sollen wir nichtmal einen anderen Vogel machen?“, versuche ich mich an Schadensbegrenzung, „Es ist doch kein Winter, da haben die Schneehühner doch gar keine Lust, gezeichnet zu werden. Wie wäre es denn mit einem Sommerhuhn?“ Begeistertes Kichern: „Sommerhuhn! Au ja!“ Ich atme auf und werfe einen raschen Blick zu Jörn-Ole, der ein gewisses Zucken seiner Mundwinkel nicht unter Kontrolle hat. Er wirft mir einen ebenso raschen Blick zu und grinst, sodass ich Sekundenbruchteile lang die niedliche winzige Zahnlücke zwischen seinen Schneidezähnen sehen kann. Lass es immer so zwischen uns sein, denke ich, während ich das Huhn skizziere, eine kleine verschworene Gemeinschaft. Wir beide.

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