Auszug aus den ersten beiden Kapiteln

1.

Auf dem Deich steht ein Mensch.
Er hat einen Hund neben sich und schaut in meine Richtung. Wahrscheinlich kenne ich ihn nicht, denn es ist Hochsaison und die Insel voller Touristen, aber vorsichtshalber nehme ich eine Hand vom Lenker und grüße: Sicher ist sicher.
Als Zugereister kann man es sich auch nach etlichen Jahren nicht leisten, unter Insulanern als arrogant zu gelten.

Bald kommt das Hafenbecken in Sicht. Es ist Ebbe. Mäandern abfließenden Wassers glitzern in dem verschlickten Becken wie die Blätter der Silberpappeln, die sich entlang der Uferpromenade wiegen. Möwen stochern nach Wattwürmern und Muscheln, in steter Konkurrenz mit Scharen frech pfeifender Austernfischer.
Ich liebe diese friedliche Atmosphäre am Morgen, bevor sich die ersten Touristenscharen aus den Fährschiffen ergießen und sich die Seevögel aus dem Hafen auf die ruhigeren Salzwiesen in der Nähe des Deiches zurückziehen. Jetzt aber ist es nicht einmal sieben Uhr und der Himmel erstrahlt bereits in einer ans Langweilige grenzenden, makellosen Junibläue.

Ich halte an und stopfe mein Sakko in den Fahrradkorb: Es ist schon jetzt viel zu warm. Dabei riskiere ich einen Blick zum „Anker“. Jolle liegt auf der blau gestrichenen Friesenbank vor seiner Kneipe und schläft. Im Sommer wird es in der Wohnung unter dem Dach des etwas heruntergekommenen Reetdachhauses, in dem sich der „Anker“ befindet, unerträglich heiß; also schläft er tagsüber meist draußen, solange die Touristen ihn lassen.
Eigentlich heißt Jolle Jörn-Ole Ellers, aber wir nennen ihn Jolle, weil er ein kleines Segelboot dieser Klasse besitzt und es überdies sowieso immer wie „Jolle“ klingt, wenn er (geringfügig bis schwerwiegend bezecht) nach einer Schicht im „Anker“ seinen Namen ins Telefon brummt. Die Seebrise, welche die Masten der Segelboote vorm „Anker“ sanft erklingen lässt, weht eine Strähne silberfarbenen, vormals dunkelblonden Haars in sein noch immer schönes Gesicht. Ich beschließe, das Fahrrad vorbeizuschieben.

Unter der Bank stehen zwei kleine Paar blaue Gummistiefel: Die Kinder sind in der Schule. Jolle ist ziemlich klein und passt deswegen vom Kopf bis zu den nackten Füßen relativ problemlos der Länge nach auf das schlichte Holzmöbel. Er trägt aufgekrempelte Chinos und ein anliegendes dunkelblaues T-Shirt; seine auf dem Bauch ruhende Hand umfasst das abgegriffene Stückchen Tau, welches er permanent mit sich herumträgt und gelegentlich zu kunstvollen Seemannsknoten verschlingt. Er macht weiters kein Bohei um diesen Talisman, will aber auch niemandem sagen, was es damit auf sich hat, und da wir uns hier (zumindest nach außen hin) alle diskret geben, belassen wir es dabei, solange die Tauknoterei keine Auswirkungen auf seine Ausschankgewohnheiten und damit auf unsere feierabendtrockenen Kehlen hat.

Heute Abend, denke ich, und werfe ihm noch einen sehnsuchtsvollen Blick zu. Wenn du nur wüsstest.

2.

„Marek, mal uns ein Schneehuhn!“
Zwei hellblonde Kinderköpfchen wuseln um mich herum, kaum dass ich aus der immer noch warmen, salzgesättigten Nachtluft in die stickige Schwüle des „Anker“ getreten bin. „Ja, ja“ lache ich, die Jungen freundlich beiseite schiebend. „Jetzt lasst mich doch erstmal rein.“
In der Ecke sitzt mein polnischer Lieblingskollege mit seiner hübschen Freundin bei einem Bier. „Dzień dobry!“ schmettere ich gut gelaunt, weil das einer der wenigen polnischen Ausdrücke ist, die ich kenne, obwohl ich meiner polnischen Abstammung und des Vornamens wegen eigentlich versierter darin sein sollte. Aber Wojciech bringt mir immer neue Wörter bei; den Schalk in seinen klugen hellblauen Augen blitzend, wenn ich die Aussprache wieder einmal komplett versemmele oder es mich gar nicht erst zu versuchen traue: „Sag es! Sag es!“ — Er grüßt ebenso gut gelaunt zurück.

Erst danach traue ich mich, den Blick zum Tresen zu wenden: Jörn-Ole ist da, natürlich. Steht auf seiner umgedrehten Bierkiste, die er hinter der Bar braucht, weil er so klein ist, und fischt routiniert die Flaschen mit dem etwas teureren Schnaps aus dem beleuchteten Regal, um kurz danach einen Doppelten vor den am rechten Tresenende eingepennten Kutscher zu schieben; Nämlicher mal wieder voll wie die 11-Uhr-Fähre zu Beginn der großen Ferien.
Am linken Tresenende parkiere ich mich und warte, bis der Herr Wirt mich bemerkt. Er tut das fast beiläufig und nimmt meine Bestellung wortlos, mit kaum merklichen Emporrecken des Kinns, entgegen.

(…)

Bildschirmfoto 2014-10-26 um 22.25.56

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