Ich schleiche durch die schmuddelige Unterführung zurück, den Kragen des Mantels hochgeschlagen. Mein Hund folgt mir. Es ist schwarze, nasskalte Nacht, und es war eine beschissene Idee, herzukommen. Ich wusste das vorher. Und doch stand ich da, an der abgeblätterten Hauswand, wohl wissend, dass du rauskommen würdest auf den Balkon; bei jemandem, der so viel raucht wie du, ist das nur eine Frage der Zeit.
Ich weiß nicht, was ich da wollte. Rein jedenfalls nicht.
Dann warst Du da, und du sahst mich. Es war alles so grau in grau; nur einzelne Farbtupfer sprenkelten das Partyvolk, das hinter dir aus der Wohnung quoll, sich umarmend, lachend, und natürlich war auch sie da, die furchtbare Person, wenn auch in den Armen eines anderen.

Ich floh, als du lächeltest. Es passte nicht ins Bild.

Du hast überhaupt keinen Balkon, und ich erwachte zwischen den weiß bezogenen, weichen Decken meiner Berliner Wohnung. Kein Hund zu meinen Füßen, denn auch den besitze ich nicht in Wirklichkeit. Den Wecker verschlief ich.

„Komm zu S.“ schreibt jemand, „es gibt Austern“. „Nein“, sage ich, wohlwissend, dass du dort sein könntest, „Ich hasse Austern. Aber grüße bitte.“
„Er ist auch hier“, schreibt der jemand, „er hat mich gerade sehr nett begrüßt“, und ich finde das eine gänzlich überflüssige Information.
„Es bringt nichts, auf heile Welt zu machen“, sagt der jemand, und ich beende die Konversation.

Richtig. Macht man denn sowas?

Ich versuche den Ärger darüber zu verdrängen; wirklich liebe Telefonate, Gespräche und Schriftwechsel erinnernd, mit Freunden, von denen viele auch deine Freunde sind, sich aber nicht damit brüsten, im sicheren Hafen zu zechen, während ich noch Wasser schöpfe aus dem leckgeschlagenen Boot, irgendwo weit draußen.
Freunde, die bleiben, egal, wo man gerade ist, und vor allem: mit wem.

Ich versuche, zu lieben, was ich hier noch habe: Es gibt genug.
Doch die Nacht holt sich, was man verdrängt.
Und so träumt man von dir, eine ganze Nacht lang, zwei, drei, und man kann nicht anders, als dich in allen Straßen zu sehen, schreibend an dem Tisch, an dem ich auch mit dir schrieb, lachend, verliebt, weinend. Und dann nicht mehr.

„Vergangenheit ist, wenn es nicht mehr wehtut“, schrieb Mark Twain, und ich bade mein Herz in diesen Zeilen: Wenigstens einer, der mich versteht.

Es wird Zeit für Reinschiff. Es sind Pakete zu schnüren und aufzugeben. Ich weiß nicht, wo du bist. Es geht mich ja auch nichts mehr an.
Und da ist es wieder, dieses Berlin-Gefühl, treibend auf dem lackschwarzen Ozean ohne Kompass und Sextant, mit zu vielen Verlockungen an den Ufern, zu vielen Gefahren dazwischen, und kein Hafen mehr, der mich aufnähme in die Obhut seiner warmen Lichter.

Komm, sage ich dem Hund, während mir der nasskalte Regen über das Gesicht rinnt. Komm, sage ich, und zerre ein bisschen an der Leine. Wir müssen weiter.

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