Als ich mein Spiegelbild in den vergoldeten Fahrstuhltüren entdecke, fasse ich mir instinktiv an die Brust. Verdammt, ich hab mein Namensschild vergessen! Dann fällt mir ein: Ich bin ja nicht im Dienst. Dies ist ein anderes Hotel, und ich nur zu Gast. Ich versinke in dem luxuriösen weichen Teppich des Foyers, umweht vom Flair der Dekadenz, und bewundere die schönen Uniformen der Angestellten, zugleich jedoch denkend: Das muss im Sommer doch schweinewarm sein darin.
Man kann wohl nirgends mehr neutraler Gast sein, wenn man einmal auf der anderen Seite gearbeitet hat.

Der Blick aus der 7. Etage auf den Hafen ist atemberaubend. Endlich angekommen. Der Abschied von Langeoog fiel schwer. „Es sind doch nur 5 Tage“ schalt ich mich, aber offenkundig wurde ich zu sehr daran gewöhnt, etwas, das ich liebe, nie wiederzusehen, sobald ich es einmal verließ, und also fand mein Herz keinen Trost.

Als ich das letzte Mal von Langeoog wegfuhr, warst du noch bei mir. Natürlich verließ ich auch damals die Insel ungern, aber mit jedem Kilometer wurden die Lieder fröhlicher, die ich hörte, allesamt gesungen von dir, weil ich wusste: ich habe dich wieder.
Und dann warst du da, gestikulierend mit den Muschelschalen in deinen Fingern, die Augen jadegrün und deine schönen Lippen mit ihrem Sphinxlächeln glänzend vom Sud. Aufmerksam zuhörend, obwohl dich meine Vogelexkursionsgeschichten sicher nicht wirklich interessierten. Es war warm für Oktober, das erinnere ich. Später saßen wir auf dem stillgelegten Straßenbahngleis, unweit des hässlichen Mauerparks, Pappbecher mit Kaffee in der Hand, und ich fand das den romantischsten Ort der Welt.
Ich hätte Berlin lieben gelernt in diesem Moment.
Ich erinnere nicht, was wir sprachen, aber ich erinnere, wie sehr ich dich liebte an diesem Tag.
Warum weigert sich die Liebe nur so viel hartnäckiger, zu verschwinden, als alles, was mich an dir stört? Der Abschied: Irgendetwas Schlammig-Diffuses im Nebel. Das kurze Glück: So klar und strahlend wie dieser Tag, als wir die Muscheln aßen und du mich küsstest auf dem von Tauben zugeschissenen Bahnsteig der U2. Somewhere, beyond the sea.

Jetzt gibt es dich nicht mehr, nicht für mich zumindest, und das Bahngleis ist nur eines von vielen.
Muscheln aß ich noch keine in diesem Jahr.

Statt in jadegrüne Augen sehe ich nun in die ebenso schwer ergründlichen Wasser des Jade-Weser-Ports und befehle mich einmal mehr ins Hier und Jetzt. Ich schaue mir die Museumsschiffe an, die Ausstellungen und all die Sachen, die dich ohnehin gelangweilt hätten. „Das sind ja keine romantischen Schiffe“ höre ich dich noch sagen, als ich durch den Zerstörer klettere, und die Präzision dieser so unschuldig daherkommenden Aussage lässt mich seltsam berührt lächeln. Nein, meine kleine Nachtigall, denke ich, das hier ist Krieg.
Und wie viel lieber hätte ich Frieden. Mit dir und in mir.

Zurück im Hotel gehen die Lichter über dem Hafen und der Kaiser-Wilhelm-Brücke an. Die Aufbauten des Zerstörers und des Minenjagdbootes kann man gut dahinter sehen. Es gibt heute keinen Sonnenuntergang, der zu erwähnen wäre; die Dämmerung schleicht sich einfach heran, aber die bunten Lichter ankern das Jetzt in die Finsternis.

Es sind nur noch wenige Stunden bis Berlin. Gern bliebe ich noch, wenigstens an meiner Nordsee, wenn schon nicht auf der Insel. Aber ich muss. Die Nachricht eines lieben Freundes erreicht mich: Er wird da sein. Mit seinem herzerwärmenden Lachen und all seiner nonchalanten Hilfsbereitschaft wird er am Gleis stehen; fern von jenem altruistischen Narzissmus, der mir an vielen nur scheinbar hilfsbereiten Menschen so ungeheuer auf den Sack geht. Ihm indes glaube ich das. Ich freue mich wirklich.

Angst habe ich trotzdem. Vor diesem Wir, das hätte sein können, und das jetzt nur noch ein du und ich ist, du irgendwo, und ich … nunja.

Die Menschen an der Rezeption sind sehr freundlich, als ich die Rechnung bezahle. Ich möchte nicht packen, und frage mich einmal mehr, warum uns die Zeit immer dort wegrennt, wo wir glücklich sind, und sich zugleich hartnäckig in dem verhakt, was wir vergessen wollen oder was uns schmerzt. Warum fliegen 6 Monate Langeoog und 2 Tage Wilhelmshaven nur so dahin, aber nicht die Erinnerung an dich?

Ich darf nicht mehr an dich denken. Ablenkung suchend, betrete ich den Balkon und betrachte noch einmal die Museumsschiffe hinter dem eleganten Bogen der KW-Brücke:
Es sind ja schließlich keine romantischen Schiffe.

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