Ich hasse Mützen.
Es gibt einfach keine Kopfbedeckung, mit der ich nicht aussehe wie eine Omma aus der Kolchose, aber es ist kühl geworden, also kaufe ich eine. Schließlich will man nicht als Tourist gelten, der den Wind des Nordens unterschätzt.
Das fleecegefütterte Wollteil auf den Ohren, mache ich mich auf den Weg zum Strand. Schon auf dem Weg durch die sattgrünen Dünen des Pirolatals höre ich die Brecher toben: Der Anblick der hochschlagenden Wellen ist atemberaubend.
Eine Surferin wirft ihr Board in die Flut; Ehrgeiz im Blick. Es nötigt mir Respekt ab.
Man kann viel bezwingen, wenn man kämpft, denke ich. Man sollte nur wissen, wann es lohnt. Und wann Kapitulation der größere Sieg ist.

Es tut gut, wieder diese Leichtigkeit zu spüren. Am Meer zu stehen, die klare Luft zu atmen und zuzuhören, wie Wind und Wellen dein Schweigen übertönen.

In zwei Wochen  muss ich nach Berlin. Zurück in die Fremde, die meine Heimat werden sollte, und wo ich nur dich als meinen Hafen fand.
Der Gedanke daran schmerzt immer noch.
Wie wird es sein, ohne dich? Ich habe dort auch andere Menschen geliebt, schelte ich mich, lange, bevor ich ihn kannte! Berlin ist nicht nur er. Ich habe dort Freunde. Und Bücher!
Dennoch. Ich erinnere die Wärme, die einem entgegenschlug, wenn man aus der Winterkälte kam, die edlen Lilien auf dem Tresen, all das Gold, die Musik, und mittendrin der schöne Seemannssohn, den ich liebte.
„Schreib“ hast du gesagt, „du musst schreiben“. Einst mochtest du, was ich schrieb. Und nun versanden all meine Worte vor dir in Stille.

Es fällt leicht, sich der schönen Dinge zu erinnern. Das Ende zu akzeptieren fällt schwer.

If I made you feel second best
Boy, I’m sorry I was blind

Sing das für mich, denke ich. Sing das und lass mich noch einmal in deinem Hafen ertrinken. Lass mich noch einmal deine Stimme hören anstelle deines Schweigens. Ich liebe deine Stimme, und ich will diese Stille nicht. Schreib mir. Rede!
Aber es wäre ja nicht wie früher.
Und singen wird er sowieso: Es ist halt sein verdammter Job.

Der Seewind frischt auf. Unter besonderer Berücksichtigung des Wörtchens „Restwürde“ zerre ich mich aus meiner Sehnsucht und schlage den Kragen meiner nachtblauen Wolljacke hoch; mich der omnipräsenten Funktionskleidung nach wie vor standhaft verweigernd. Da meine Jacke aus dem Bestand der Deutschen Marine stammt, kann ich so immerhin noch ein wenig Matrose spielen: Auch ohne mich in irgendwelchen Häfen zu betrinken.

Auf dem Strand liegt der halbskelettierte Kadaver eine Seevogels und ich ärgere mich darüber, dass ich ihn nicht sofort identifizieren kann. Mit der Schuhspitze schiebe ich den Schädel zurecht, damit ich den Schnabel sehen und ggf. zuordnen kann, aber ich weiß es wirklich nicht.
Immer noch grübelnd kicke ich ein paar Feuersteine herum, die heute in Mengen aufzufinden sind, und erinnere einen Tag meiner Kindheit: Eine Art Forschungscamp im Neandertal, wo kleine Hobbyarchäologen u.a. lernten, wie man mit solchen Steinen Feuer macht, wo man Fossilien findet und so weiter. Es ist eine sehr schöne Erinnerung, denn eigentlich wollte ich immer Forscher werden. In meinen Kindheitsträumen sah ich mich im weißem Kittel täglich durch meine Präparatekammer stromern, wenn ich nicht gerade irgendwo draußen durch die Botanik kroch oder Artikel für Fachzeitschriften schrieb. Ich weiß nicht, warum nichts daraus wurde. Wahrscheinlich waren meine Mathematiknoten einfach zu schlecht.
Heute erforsche ich nur noch die menschliche Natur: offenkundig mit ähnlich überschaubarem Erfolg.

Als ich das nächste Mal aus meinen Erinnerungen auftauche, bin ich schon weit gelaufen; der Strandaufgang ist kaum noch zu sehen, der Sand vor mir menschenleer. Aber mich ängstigt hier nichts. Das grüne Band der Dünen ist mein Ariadnefaden, an dem ich sicher nach Hause finde. Außer dem Rauschen des Windes und der Brandung ist kein Geräusch zu hören. Ab und zu ruft ein Seevogel.

Das hier, denke ich, liebe ich noch mehr als dich. Weil die Stille hier schön ist.

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