Jetzt ist er weg, der Freund, und man sieht ihn als winzigen Punkt auf dem Achterdeck der Fähre im Wolkengrau verschwinden. Er winkt noch, und ich weiß, dass er es hasst, von Schiffen zu winken, so wie er Abschiede hasst als solche, aber er macht es trotzdem, weil mich das freut und weil er ein Freund ist.
Ich stehe auf dem Kai, aufs Geländer gestützt, als sei dies meine Reling, und meine Insel hält mich, aber es fällt dennoch schwer, nicht zu weinen.
Und schon wieder lasse ich jemanden am Hafen zurück, nur bin diesmal ich es, der bleibt. Auf dem noch ankernden Ausflugsdampfer nebenan verschwindet gerade die erste Offizierin im Steuerhaus; sie ist sehr nett und hübsch, und sie winkt mir, als sie mich sieht, irgendwelche Schiffsgerätschaften in der Hand, das schöne goldblonde Haar zum Knoten gewickelt. Ich mag sie sehr gern und jetzt weine ich wirklich, weil auf der Insel schon so viel vertraut ist, aber auf dem am Horizont verschwindenden Fährschiff eben auch.

Auf dem geliebten Boden, auf dem ich endlich wurzeln will, setze ich meinen Weg fort zum Süderdeich. Erstes Sonnenlicht bricht durch die Regenwolken und lässt das Schlickwatt am Flinthörn silbrig erstrahlen. Große Brachvögel und all die anderen üblichen Verdächtigen stochern und staksen; das Boot der Seerettung flitzt vorbei, hoffentlich nur auf Routinefahrt.
Zwei Austernfischer rufen sich etwas zu und ich muss lachen, weil ich mich an die schönen Tage erinnere, all die Geschichten, die wir erfanden, und weil es schön ist, einen Freund zu haben ohne all das Komplizierte, was Liebe nun einmal mit sich bringt.
Mit dem man in menschenleeren Dünen Handstand machen und Räder schlagen kann, auch wenn man dabei gerade einmal noch den Arsch in die Höhe bekommt oder prompt auf nämlichem landet. Der einen wirklich festhält und das nicht nur behauptet. Und der einen auch noch mag, wenn man peinlich ist oder zum Hundersten Male von ihm quakt, dem einen, demjenigen, welchen, den man ebenfalls zurückließ am  Hafen oder der einen fortschickte, wie auch immer.

Jedenfalls schaut man ihn an, den Freund, er ist sehr schön, und man fragt sich: Warum ist eigentlich nicht er derjenige, welche? Gründe gibt es nicht wirklich. Aber manchmal ist eben auch ein Traummann nur ein Freund, und ich bin heilfroh darüber.
Wieviel Urvertrauen, wieviel mehr Ungezwungenheit liegt in einer Liebe, der dieses bedrohliche Knistern fehlt, das einen Anfang einläuten mag, aber wieviel oft mehr ein Ende.

Dennoch bin ich traurig. Das Schiff ist kaum noch zu erahnen. Sicher ist er schon auf dem Festland, auf den Koffer wartend, auf dem Weg zurück in sein Leben, das andere, aus dem ich aber auch nicht fort bin nach all den Jahren, und das ist schön.
So bleibt ein Teil von ihm hier, und ich werde ihn lachend am Sanddornbusch Beeren pflücken sehen, auch wenn längst der Schnee auf den dornigen Zweigen liegt.

Im Gebüsch liegt ein platter Wasserball mit dem Werbeaufdruck einer Apotheke. Noch ein Relikt vegangener Urlaubsfreuden, dem Verfall anheimgegeben. Ich denke an den nahenden Herbst. Wenn Millionen von Zugvögeln hier Rast einlegen, bis auch sie die Insel wieder verlassen. Einige werden nicht wiederkehren.

Doch die anderen kommen wieder, und sie verlassen mich nicht ohne Hoffnung auf Frühling.

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