Vor meiner Nase baumelt ein Zuckerstreuer. „Haben Sie Zucker?“ Ich starre den Mann, der das fragt, entgeistert an. „Zuk-ker?“ versucht er es noch einmal langsam und deutlich, wahrscheinlich hält er mich für die polnische Küchenhilfe. Ich murmele irgendetwas Dienstleistungsorientiertes und verschwinde in der Küche. Durch das Bullauge in der Schwingtür starre ich weiter.
Er steht im Restaurant und wartet: Mit kurzem silberfarbenen Haar, grauen Augen, skandinavischem Gesichtsschnitt und genau jenem energischen Zug ums Kinn, der dafür sorgt, dass er trotz seiner kleinen, kompakten Statur nicht kindlich wirkt.
Der Mann sieht aus wie du. Nicht im Detail. Aber ähnlich genug, um dem zielgerichteten Befüllen eines Zuckerstreuers den Schwierigkeitsgrad einer Marsexpedition zu verleihen. Ich bringe ihm den Zucker und er setzt sich zu Frau und Kind in die Sonne.

In der Pause radele ich die Hafenstraße herunter. Es ist ein Tag von enervierender Makellosigkeit. Links von den Gleisen der bunten Inselbahn stehen zwei Haflinger auf der Weide wie Schleich-Tiere in einer Modelleisenbahnlandschaft. Die Natur explodiert in Blüten und Farben. Am wolkenlosen Himmel jagen Schwalben in flirrender Formation. Auch das Hafenbecken, das hinter der Hügelkuppe in Sicht kommt, offeriert heute die perfekte Idylle. Möwen stochern friedlich im Schlick und in den Masten der Segelboote singt der warme Sommerwind leise ein sanft klingendes Lied.
Es ist so schön, dass man kotzen möchte.
Ich will schneller fahren, aber dauernd springt der Gang raus an meinem alten Rad und ich trete schmerzhaft durch. Muße, sage ich mir, fahr doch langsam. Genieße. Aber ich will das heute nicht; ich will dass einmal etwas in meinem Tempo geschieht, ich will dann wegkommen, wenn ich weg will, und zwar so schnell, wie ich will.
Wenn man doch nur Dinge beliebig beschleunigen könnte. Vergessen zum Beispiel.

Der hübsche blonde Kellner in der Teestube mag mich heute auch nicht erheitern. Was ist das bitte für eine Scheiße mit der Liebe?
Ich verliere mich in kitschigen Träumen: Was wäre, wenn ich deine Familie wäre und das hübsche Reetdachhaus hinter mir unseres? Ich käme von der Arbeit und würde dich im Garten werkelnd vorfinden, oder lesend auf der blau lackierten Friesenbank vorm Haus (wir strichen sie zusammen), den Hund zu deinen Füßen. Wir tränken Tee zusammen, aus Tassen in Friesisch Blau natürlich, und du würdest mir alle Neuigkeiten der Nachbarschaft erzählen, du, der sich so viel besser auf Socialising versteht als ich. Jeden Tag stolz wäre ich auf dich, und jeden Nanometer würde ich an dir lieben: Dein raues Seemannslachen, die Gartenerde an deinen Fingern und diese niedliche, winzige Zahnlücke zwischen deinen Schneidezähnen. Täglich legten die Schiffe vor unserem Fenster an und ab, aber wir, wir blieben, weil du mein Hafen wärst und ich deiner.

Die Realität lässt das spießige Haustürschild aus Ton mit unserem Namen darauf auf dem Boden der Tatsachen zerschellen.
Du magst keinen Tee. Und zum Thema Gartenarbeit habe ich dich nie befragt. Einmal mehr schäme mich für das, was ein lieber Freund einst so treffend „Laura-Ashley-Traum“ nannte: Ich, der doch immer so autark sein will. Ein Mann, eine Insel.

Noch eine Frage drängelt sich dazwischen, in perfider Hässlichkeit: Die Frage, ob ich eigentlich wirklich dich liebe oder nur das, was du mir sein könntest.
Wenn ich dich aber nun nicht wirklich liebe, sondern nur eine Illusion von dir, warum leide ich dann? Verzweifeln werde ich noch an diesem gottverdammten Thema, und heute hasse ich den Sommer.

Mein Tee ist kalt geworden, das Essen aß ich irgendwann, ich erinnere es nicht. So viel wertvolles Hier und Jetzt verschwendet auf ins Nichts führende Gedanken und Fragen, die seit Monaten um sich selbst kreisen wie ein Tier im Käfig.

Ich muss zurück zur Arbeit.
Der Himmel zieht einen violetten Triumphbogen aus Wolken über einen Horizont aus seidig-orange-pinken Streifen. Eingebettet darin die untergehende Sonne.
„Schau mal, wie schön!“ Der Kollege lockt mich nach draußen, damit ich mir das anschauen kann, und ein goldener Lichtschimmer legt sich auf sein junges, unschuldiges Gesicht. Ich pflichte der Begeisterung dankbar bei und wir vergessen für ein paar Sekunden die Tabletts auf unseren Armen.
Die Hierarchiebene darüber sieht unsere meteorologischen Betrachtungen weniger gern. Was wir denn dort schauen würden, die Gäste säßen woanders. Gesenkten Hauptes gehen wir wieder ans Werk. Kein Stück Himmel gönnt man uns, denke ich, und der Satz lässt mich beinahe weinen.

An der Rezeption steht der Mann mit dem Zuckerstreuer. Er müsse vorzeitig abreisen. Schade, sage ich und erstelle die Rechnung.
Du fehlst mir.

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