Es ist einer jener nicht enden wollender Sommertage, an denen es außerhalb der Vorstellungskraft liegt, dass es jemals wieder kühler werden könnte. Wie ein Krokodil möchte man den ganzen Tag im Wasser liegen, sodass nur noch Augen und Nasenlöcher herausschauen, wenn man nicht gerade träge nach einem Happen zu essen schnappt.
Genauso mache ich das gerade. Ausgestreckt im badewannenwarmen Priel liegend, schaufele ich Häufchen von Sand auf meinen vor mir treibenden Flipflop und warte darauf, dass das Ding kentert: Ab vier Handvoll ist es soweit. Ich schäme mich nicht für dieses kindliche Vergnügen; ich will nicht wissen, wieviele der burgenbauenden Väter und Mütter um mich herum das auch zur eigenen Kurzweil tun, mit dem Kind als Ausrede.
Aber, denke ich, du bist Intellektueller! Denk doch wenigstens was dabei! Na gut, gehorche ich, eigentlich ist das doch wie das Leben. Man häuft sich zuviel Last auf oder bekommt sie ungefragt aufgeladen. Eine Führungsposition, die man nicht will, eine, die man will, aber nicht ausfüllen kann, zuviel Arbeit, zuwenig Arbeit, Schicksalsschläge, Beziehungsgedöns, you name it. Und dann kentert man, aber irgendwie treibt man ja meistens doch wieder oben, irgendwann, trotz allem. Die Frage ist nur: Kieloben oder kielunten? Und wird man fremdgesteuert oder hat man das Ruder selbst in der Hand? Und unter wessen Flagge segelt der Mensch?
Was für ein plattes Gleichnis, schalt der Korrektor in mir, das kannst du nicht verwenden im Blog, so eine phantasielose Kacke. Na gut, schmollt der Dichter, dann denke ich halt wieder an ihn, denjenigen welchen, ihr wisst schon. Was gibt denn das Leben schon her außer Philosophie und Liebe? Jenseits von dreckigen Tellern, versteht sich.
Also sitze ich da und denke an dich. Ich frage mich, welche Farbe deine Augen jetzt hätten, wenn du hier wärst. Wahrscheinlich grau mit einem Schleier milchigen Grüns darin; so wie die Sandbank, die am Horizont allmählich unter dem auflaufenden Wasser verschwindet. Ich fühle dich nah, ich weiß noch, wie du riechst, aber du wärst weit weg, schrecklich weit weg, selbst wenn du so nah wärst, dass ich das Salzwasser auf deiner Haut mäandern sähe und die Sandkörner in deinem Bart, silbrig auf deiner sonnengegerbten Haut wie das Perlmutt in einer Auster. Die Erinnerung an deine wunderschöne Stimme verwebt sich mit dem Rauschen der Brandung zur traurigsten Melodie, die ich niemals hören werde.
Ich lasse eine Träne frei. Nur eine von vielen in dem See verbotener Gefühle, der quälend gegen die bröckelige Talsperre namens Vernunft und Restwürde in meinem Inneren drückt. Ein Tropfen warmen Salzwassers mehr, der in die Nordsee rinnt: was macht das schon.

„Hast du Krebse gesehen?“
Bitte? Eilig schaufele ich mir Wasser ins Gesicht; man sitzt nicht im Hochsommer im Priel und weint, man weint überhaupt nicht bei schönem Wetter, natürlich sterben Menschen auch im Juli oder verlassen einen im August oder man wird arbeitslos im Mai, aber im strahlenden Sonnenschein? Wer darf da schon trauern.
Ein kleiner Junge steht vor mir, hübsch, und mit dichtem Haar von diesem ins Messing spielenden Goldblond, aus dem sich später einmal ein sattes Braun entwickeln wird, so blond, wie du als Kind warst. In der Hand hält er einen Kescher. „Ich suche Krebse! Hast du welche gesehen?“ Ich schaue pflichtschuldig um mich. Nein, keine Krebse. Tut mir Leid.

Der kleine Junge bleibt eine Weile in meiner Nähe und fischt konzentriert. Ich bewege mich wenig, weil ich noch gut weiß, wie sehr ich es hasste, wenn trampelige Erwachsene meinen kindlichen Forscherdrang torpedierten. Vor allem, wenn man gerade dabei war, sich mit einem Tier anzufreunden oder auch nur eine besonders schöne Muschel ins Herz zu schließen. Und dann kam dieser tollpatschige große Fuß daher und verscheuchte das Tier und die Muschel verschwand im Sand, im Nirgends des Ozeans, bevor man ihr einen Namen geben und Tschüss sagen konnte.

Im regungslosen Liegen sehe ich ein winziges, perfekt getarntes, sandfarbenes Fischchen durch meine Finger flitzen. Ich überlege, ob ich es dem Jungen zeige, aber nachher kriegt man Ärger mit den Eltern, von wegen „was quatschen Sie mein Kind an“, man muss ja vorsichtig sein heutzutage. Und ich sollte mir als Kind ja auch nie kleine Tiere von Fremden zeigen lassen, und anderes schon gar nicht.

Idyllen sind leicht zu zerstören. Neben mir badet jetzt eine Möwe ihr Gefieder: Das Fischchen macht wohl ohnehin sein Testament.

Ich mauere eine weitere Schicht Steine auf die Talsperre der Vernunft und schleppe mich widerwillig unter die Stranddusche: Arbeit ruft.
Die Silhouette des Kleinen mit dem Kescher verschwimmt im Gleißen des platinfarbenen Priels. Die Möwe fliegt auf.

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