Ich liebe diesen Moment, wenn die Flut am Horizont angesprungen kommt wie ein ungestümes Fohlen und sich die braune Mondlandschaft der Priele in glitzernde, reißende Flüsse verwandelt. Die Sonne zieht ihr übliches Feierabendsspektakel in Pink-Orange ab, untermalt vom steten Klicken touristischer Fotoapparate. Ein bisschen tun mir die vom Sonnenuntergang allzusehr gefesselten Gäste Leid, denn wenn sie sich umdrehen würden, blickten sie statt in die des Tages müde Sonne in einen riesigen Vollmond, dessen Krater sich so deutlich abzeichnen wie auf der Illustration eines Erdkundebuchs. Jetzt krame auch ich nach der Kamera, um mir diesen Mond zu eigen zu machen: Ich war dabei.

Und überhaupt springt und schäumt und strahlt auch in mir heute alles in silbrig-glänzendem Überfluss, sodass ich am liebsten jedem Halm des Strandhafers davon erzählte, und jeder Möwe sowieso.
Nein, du bist nicht zurück, mein Kontostand ist ein Desaster wie eh und je, und es ist auch sonst nichts passiert, das man gemeinhin als Glück verkaufen könnte, aber:

Zwei Stunden vorher, in der Kaapstube. Die Musik ist zu laut und die würfelspielenden Leute nervig. Ich mag nicht mehr so viel Geld ausgeben und habe keinen Appetit auf Frikadellen, dennoch habe ich sie bestellt, als Billigstes in der Karte. Und plötzlich sind sie da, die Worte. Springen mir in das eilig hervorgezerrte Notizbuch wie die herannahende Flut; eine Naturgewalt, mit der man nur schwimmen oder darin ertrinken kann.
Nicht die zu dieser Geschichte hier, sondern die zum Roman, dessen Protagonisten in meiner Vorstellung zwar schon länger mehr als Silhouetten waren, aber bisher nicht so recht in einen Plot eingewoben werden wollten. Und plötzlich war alles da. Ich schrieb. Irgendjemand grüßte. Ich schrieb.
Am Tresen ließ sich eine blonde Schönheit nieder. Ich schrieb. Das Essen wurde gebracht. Scheiß drauf, ich schrieb.
Ich zwang mich zum Essen. Ich schrieb. Zwang mich zum Wandern: Sonnenuntergang, jetzt. Der Drang zum Notizbuch stärker: Also Strandkorb. Ich schrieb.
Hör auf, sagte die Vernunft, geh spazieren. Du verpasst die ganze Natur. Ich kann nicht, sagte der Dichter, ich muss. Noch ein Kapitel, bitte. Es erzählt sich doch quasi von selbst. Nicht aufhören, bitte,
Und dann kam die Flut angesprungen und mit ihr all diese Worte, und ich schiss darauf, ob das irgendjemand lesen will oder verlegen oder kaufen, ich musste. Musste.
Ich muss.

Denn was kann einen in schönerer Euphorie baden als das Schaffen von Kunst? Kunst nicht in wertender Hinsicht, ich bin ja kein Schriftsteller, aber im Sinne von: Kreativ sein ohne Schranken. Eben ohne jeden Hintergedanken an kommerzielle Verwertbarkeit, Zielgruppen oder Märkte.
Natürlich kann ich im Sinne eines Handwerks schreiben, und nicht wenige Werbetexter endeten als Romanciers; einige ökonomisch erfolgreich, andere bereits mit dem Erstling versandend.

Aber darum geht es nicht. Meine Euphorie fußt darauf: Ich fühle mich reich. Und zwar überschüttet mit einem Reichtum, der zwar auch die ein oder andere Konjunkturflaute erlebt, aber doch beständig wiederkehrt — ein weiteres Mal der Meeresflut nicht unähnlich.
Ich mag den Rest meines Lebens Teller abräumen und die ekligen, Nutellaverschmierten Brötchenreste Fremder in den Schweineeimer schaufeln müssen, aber trotzdem bin ich reich.

Ich bin glücklich. Halt, sagt die Ratio, das darfst du nicht. Du bist nicht glücklich, und wenn du schreiben könntest, hätte er dir nach deinen rührenden Mails verziehen anstatt zu schreiben: „Spar dir alles andere, jede weitere Mail landet im Spam.“ So liefe das, wenn du ein Schriftsteller wärst, oder auch nur talentiert:  Er würde dich lieben. Allein der Worte wegen. Aber er liebt dich nicht. Hat nicht und wird nicht, und verschwendetest du auch die schönsten Worte der Welt darauf. Es ist nicht genug, niemals ist es genug. Für ihn, für dich, für irgendwen. Es reicht nicht: Du reichst nicht, Also, Kunst? Am Arsch.

Trotzdem, sagt der Dichter in mir, in trotzigem Stolz, und mit schöneren meerfarbenen Augen als ER je haben könnte. Augen, in denen jetzt Tränen glitzern, noch schöner als das glitzernde Wasser im Priel.
Trotzdem.

Ich muss diesen Dichter lieben, sage ich.
Den, der nicht von meiner Seite weicht.
Den, der mir hilft. Den, der zuhört und mir seine Stimme leiht. Ich bin nichts, wenn ich nicht schreibe.
Wenn ich nicht schreibe, bin ich nicht.

Und ich scheiß drauf, ob diesen Roman je jemand lesen wird. Oder das hier.

Heute bin ich glücklich, weil ich zwar nicht mehr dich, aber immer noch meine Kunst habe.

Heute liebe ich nur den Dichter in mir.

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