Der ältere Mann steht da mit dem bunten Spielzeuglaster in der Hand. Etwas unschlüssig. Aber dann stellt er den Laster behutsam auf die Sitzbank des Strandkorbes; es folgen ein kleiner Eimer und eine Frisbeescheibe. Er ist wirklich sehr alt und bewegt sich nur langsam. Seine Familie sitzt jetzt sicher beim Frühstück, denke ich, und er war hier mit den Enkeln am Vortag und räumt jetzt allein die Sachen auf.  Irgendwas an der Szene rührt mich. Es ist nicht nur die liebevolle Sorgfalt, mit der er die Spielzeuge ordnet und den schweren Strandkorb neu ausrichtet. Es ist einmal mehr die Vergänglichkeit.

Ich sehe den Herrn mit dem Spielzeug in der Hand und frage mich, ob er wirklich nur überlegt, wo er den Laster hinstellen soll, oder ob er daran denkt, wie er selbst als kleiner Junge mit einem Spielzeugauto am Strand gestanden hat. Gut, vielleicht denkt er auch gerade nur „Aua, mein Rücken, und die Gören könnten ihren Kram ja wirklich mal selbst …“, aber nun habe ich dieses Bild im Kopf und denke eben stellvertretend für ihn daran.

Die Zeit vergeht schnell, und oft ist das auch verdammt gut so, aber es ist schade, dass von einem Leben oft nur Zahlen und Zeugnisse bleiben, aber nicht solche Dinge, die Geschichte Farbe verleihen und Menschen menschlich machen. Ich erinnere meinen Vater, der als 1942 geborenes Kind noch in Bombentrichtern spielte. Nach ein paar Regengüssen waren die Trichter voller Wasser und später konnten die Kinder sogar Fische darin ärgern: Das Grausame war dem Schönen gewichen. Oder ihm zumindest für einen Moment unterlegen. Ich erinnere die Geschichten meiner Mutter, die Puppenstuben aus Kartons und allem, was man so fand, baute, weil es sonst nichts gab. Und die deshalb auch uns Kindern noch das schönste Spielzeug improvisieren konnte. Es gibt lustige Geschichten über in Jauchegruben gefallene Geschwister oder mit geklauten Fahrrädern samt Bäuerin umgenietete Milchkannen, und ich bin froh, dass ich diese Geschichten noch hören kann.

Weiter erinnere ich einen ehemaligen Bekannten, der außer Party und Großstadttrubel nichts im Kopf zu haben schien; man fand so recht nichts zum Unterhalten, doch dann kam irgendwie das Thema auf, dass man auf Grashalmen auch pfeifen kann. Ach ja, natürlich: Plötzlich wurden die so hart, zynisch und verlebt wirkenden Augen weich, und ich sah ihn 30 Jahre früher auf den Bergwiesen seiner Heimat sitzen, auf Grashalmen pfeifen und den Hang runterkullern. Ich mag diese Geschichten, in denen wir als Kinder doch irgendwie alle gleich sind, mit der Scheiße, die wir bauten, und den Dingen, die uns Freude machten. Es eint und versöhnt und lässt Geschichte eben mehr sein als nackte Zahlen ohne jede Sinnlichkeit.

Ich sehe wieder aufs Meer. Heute habe ich überraschend frei, was mir nicht passt, weil ich dich vermisse: Ablenkung täte Not. Die See ist grau und sehr weit weg; nur langsam kommt die Fähre vorwärts. Vorgestern brachte sie mich zu einem der Häfen deiner Kindheit. Es war ein strahlend schöner Tag und ich kam nicht umhin, mir vorzustellen, wie du als Kind mit dem Fahrrad durch diese Straßen geflitzt bist, sicher das ein oder andere Mal hingeflogen, und auf dasselbe Wasser geschaut hast, auf das ich jetzt schaue: Noch mit zarthäutigem und stupsnasigem Kindergesicht, das dichte Haar goldglänzend braun statt grau, aber mit denselben meerfarbenen Augen, denen ich fast 40 Jahre später in einem Berliner Irish Pub verfallen sollte. Ich wünschte, ich hätte dich länger in meinem Leben gehabt.

Der Mann hat jetzt einen kleinen Handfeger und macht die Strandspielzeuge eines nach dem anderen sauber; auch den Strandkorb bürstet er ab. In Reih und Glied stehen sie da, wie in der Auslage eines Spielwarenladens, aber er nimmt sie gleich wieder weg und verstaut eines nach dem anderen in einer großen Tasche. Noch einmal dreht er sich um, betrachtet das Werk und schaut aufs Meer.
Seine Familie wartet sicher schon auf ihn. Ihr könnt stolz sein auf den Opa, denke ich, so ordentlich müssten alle Touristen ihre Körbe verlassen.
Ich beginne den Mann zu mögen. Aber als ich das nächste Mal aufblicke, ist er fort.

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