Die Tischlampe heißt Anthony und ist eher hässlich.
Aber Anthony ist billig, und deshalb zerre ich ihn aus dem Regal und werfe ihn in den Einkaufswagen, auf dass er in Zukunft meine Nachtlektüre und Schreibarbeiten beleuchte. Gleichzeitig frage ich mich, warum Alltagsgegenstände eigentlich Vornamen bekommen und wer sich was warum dabei denkt. Ich stelle mir eine Lampendesignerin vor oder irgendeine arme Sau aus dem Produktmarketing, die den Auftrag bekommt: Benamsen Sie doch mal Lampenmodell A3875Z, das ist dem Kunden sonst zu unemotional. Und dann setzt sie sich hin und denkt, achja, meine Sandkastenliebe, der Anthony. Oder: Das Teil ist so hässlich. Wem wische ich denn jetzt damit eins aus? Achja, Anthony, dieser Arsch, der mir in der Schule immer das Brot geklaut und die Tonne umgedreht im Busch versenkt hat. Natürlich: A3875Z heißt jetzt Anthony. Und ich erinnere meine Schwedischlehrerin, die meinte, es sei ein Gräuel, zu IKEA zu fahren, sobald man Schwedisch verstünde, der bescheuerten Produktnamen wegen. Aha. Waschtisch „Godmorgon“ leuchtet dabei noch ein, obwohl mein Waschtisch um 6 Uhr morgens wohl eher „Leck mich am Arsch“ heißen sollte, aber ich will nicht abschweifen. Bett „Umeå“ ergibt von mir aus auch noch Sinn, wenn der Designer, das Holz oder Produktbenamser dort her ist. Aber ein Vorname?

Natürlich bringt mich das auf das Thema, warum es wohl in der Natur des Menschen liegt, anderen ein Denkmal setzen zu wollen, oder zur Not auch sich selbst. Wenn man das Glück hat und sich ein Goethe, ein Wilde oder ein Hemingway (unglücklich) in einen verliebt, endet man im Idealfall in der Weltliteratur. Ist der Verehrer oder die Verehrerin indes Produktbenamser beim Hagebaumarkt, so findet man sich dagegen halt als Tischlampe Anthony, Übertopf Ursula oder Fußmatte Hinrich wieder. Und natürlich regt sich in mir das schlechte Gewissen, weil ich in meinen Texten schließlich selbst am laufenden Meter denjenigen welchen verewige sowie andere Menschen, die mich auf irgendeine Weise inspirierten oder beschäftigen, und sei es nur für einen Moment. Aber das bleibt bei der Schaffung von Prosa wohl nicht aus. Natürlich lässt sich eine Person in fiktiven Texten verfremden oder aus mehreren Bekannten zusammenschustern, was allein aus juristischen Gründen schon sinnvoll ist, aber irgendeine reale Person wird wohl immer darin stecken — gut oder schlecht verborgen, je nach schriftstellerischem Talent und Bösartigkeit.

Woher also dieses Bedürfnis des Denkmalbauens? Ich erinnere meine vorletzte Liebe. Ein Mensch, so wunderschön, das man ihn nur hätte marmorfarben übertünchen müssen, um ihn in der Münchner Glyptothek auszustellen oder im Louvre. Oscar Wilde hätte beim Verfassen des Bildnis des Dorian Gray keines Alfred Douglas gedacht, sondern seiner, und ich … ich bin kein Wilde und also blieb ich stumm, aber das Bedürfnis des Verewigens war da, ja. Danach kamst du. Du bist, objektiv betrachtet, nicht ganz so schön, aber der Umstand, dass ich dich liebte, verfrachtete dich ebenfalls in die Gefilde des Verewigt-werden-sollens. (Wer hier eine gelogene Vergangenheitsform findet, darf sie behalten.) Unglücklicherweise war es aber nunmal auch du, der mich wieder zum Schreiben brachte, und so weiß jeder Lesende meiner Hinterhofprosa jetzt von deinen Augen, die nie die gleiche Farbe haben, sondern manchmal hellgrün sind wie Jade oder leichte, erfrischende Gischt, manchmal von unergründlichem, tiefen Blaugrün wie die irische See, manchmal eisgrau wie ein Bergmassiv, bedrohlich dunkelgrau wie der nachts aufziehende Seenebel über den Sandbänken oder von so unschuldig-schlichtem Blau wie der noch wolkenlose Morgenhimmel über Friesland. Irrelevant für jeden, der dich nicht liebt, und für die Lesenden nur ein paar Farbsteinchen im Mosaik meiner prosaischen Ergüsse, aber für mich: Nun ja. Du bist einfach ein bisschen weniger weg, wenn ich das schreibe. Und das ist dann wohl auch die Antwort.

Ich überlege, ob ich meinen Eltern eine Bank kaufe, an meinem Lieblingsaussichtspunkt, wenn sie mal nicht mehr sind, damit sie trotzdem noch bei mir sind und immer sehen können, was ich liebe. Oder ob ich möchte, dass das jemand für mich macht. Ja, auch das wäre schön. Es will doch jeder bleiben, irgendwie. Man kann das machen, es gibt hier solche Bänke, und sowas ist doch weniger trostlos als nur ein Stein auf irgendeinem Kirchhof, auf den ein Atheist wie ich ohnehin nur schlechten Gewissens schleicht. Und mir selbst, mir will ich ja gleich das größte Denkmal von allen errichten: Die ganze See soll meins sein, mein geliebtes Meer, in das ich gestreut werden will, zu Asche verbrannt, bevor sich irgendwelches Gewürm an mir die Plautze vollhaut. Und über mir die Möwen, weit draußen auf dem blauen Meer.Tanzen würde ich auf den Wogen und eins werden mit all den wunderbaren Farben und Gezeiten, den Seewind als treuen Geliebten bis in alle Ewigkeit.

Aber ich will nicht kitschig werden. Die Pause ist um, es ist noch eine Spülmaschine zu entkalken im Hotel. In der Wohnung ist es bereits dunkel geworden, und so schreibe ich im Licht der neuen Lampe, Verzeihung: Anthonys. Beiläufig schalte ich Anthony aus und denke ein letztes Mal an dich: Froh sein soll er, denke ich. Ich hätte ja auch Produktdesigner werden können.

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