Sie möchte kein Brot essen. Es ist sehr gutes Brot und sehr frisch, der Inselbäcker backt es selbst. Sie will es nicht. Auch nicht eine der drei Brötchensorten, die noch übrig sind. Aber sie will das Brötchen, das nicht da ist. Genau dieses Brötchen will sie, die Frau, die 5 Minuten vor Ende der Frühstückszeit erscheint und zetert, weil sie Brot essen soll statt dessen. Brot. Man stelle sich vor. Die andere zerrt an der Kaffeemaschine und schreit, weil sie Frühstück will, jetzt und sofort. Und es sei ihr egal, dass man das erst ab 8 anböte, andere Hotels hätten auch ab 7, das müsse jawohl gehen. Beeilen solle man sich halt oder früher aufstehen, sie habe das schließlich bezahlt. Wo man denn seine Ausbildung gemacht hätte bei dem Service, ach, aber man habe ja sicher keine und einen Schulabschluss auch nicht.

Ich richte das Buffet und denke, dass ich nicht denken soll, was ich denke, als guter Dienstleister, aber ich denke es doch, denn es drängt sich auf: Verzogene dekadente Kühe. Ich weiß, was die Nacht hier kostet, ja. Aber andere Menschen haben gar kein Brot. Und wir Angestellten essen morgens das, was ihr uns übrig lasst. Frühstücksplatten wachsen nicht über Nacht. Menschen stehen dafür früh auf und beeilen sich, um sie pünktlich und appetitlich fertig zu haben. Oft noch müde von der Nachtschicht. Und jetzt soll sie Brot essen. Gutes, frisches Brot. Was für ein Luxusproblem.

Ein anderer Satz drängt sich auf: „Wir mussten Sie zurückholen.“ Der Arzt sagt mir das, die Schwester hat sich nicht getraut. Eine allergische Reaktion bei der Narkose. Dramatisch, leider, aber Sie werden keine bleibenden Schäden haben. Aha, denke ich. Jetzt war ich also tot, so ist das also. Man wacht auf und der Hals tut einem weh und die Klamotten sind weg, weil man sich übergeben und eingeschissen hat, als man krepierte, und jetzt ist man wieder da und weiß von nichts. Schämt sich natürlich. Und die größte Sorge vorher war, ob man von dem harmlosen Eingriff eine Narbe zurückbehält.
So stirbt man also. Nicht sauber und frisch gewaschen im weißen Hemd, mit sich und der Welt im Reinen. Nicht pünktlich, planbar und hübsch angerichtet. Man stirbt. Einfach so, heute, demnächst oder irgendwann: Zack, weg.
Ich sehe dich am Krankenbett sitzen. Ich freue mich so, dass du da bist. Und dann habe ich dieses verdammte Nasenbluten und kann nicht reden mit dir und dich nicht küssen, und es sollte so ganz anders sein, aber, ach scheiße, ich blute, ich lebe, ich bin noch da, und du auch.
Wenn ich das nächste Mal sterbe, bist du weg. Vielleicht bist du dann auch schon tot; auf jeden Fall wird es keine Versöhnung vorab geben, keine Lieder, kein Es-tut-mir-so-Leid-ich-kann-dich-nicht-vergessen. Das gibt es nur im Film, oder vielleicht in anderen Leben; nicht in meinem. Du wirst dich meiner nicht einmal mehr erinnern, und ich werde vielleicht auch schon zwei, drei Lieben weiter sein und denken: So toll war er nun auch wieder nicht. Dann gibt es einen anderen dich, aber was macht das für einen Unterschied.

Jedenfalls kommt der Tod nicht erst, wenn man sich am Buffet des Lebens sattgefressen hat und zufrieden sagt: Jetzt kannste. Und nach Wunsch belegt wird auch nicht. Angst hat man. Nicht vor dem eigenen, den kriegt man ja nicht mit oder nur so halb; darüber nachdenken kann man jedenfalls nicht mehr und sich fragen: Wie war’s denn so? Aber den der anderen fürchtet man. Weil man weiß, dass der Tod der Lieben in das eigene Leben brechen wird wie ein Tsunami, inmitten all die Trivialitäten des Alltags.
Vielleicht blockt man einen Anruf tags zuvor noch ab, beantwortet eine Mail nicht, weil man gerade ein Eishörnchen in der Hand hält, weil man zu müde ist zum Tippen, weil man die Sonne untergehen sehen will, anstatt auf ein Smartphone zu starren. Dieselbe Sonne, die man morgen nochmal sehen wird, aber der geliebte Mensch nicht. Den man nicht mehr zurückrufen kann, der noch als E-Mail-Postfach eine Weile existiert, aber keine Mails mehr beantworten wird. Ein paar Monate gibt es ihn noch als facebook-Profil, als Stimme auf dem Anrufbeantworter. Und dann irgendwann gar nicht mehr.

Und die Frau will kein Brot essen. Reich ist sie, sehr jung, und sie hat rosige Pausbacken wie ihre Kinder, denen sie wohl immer genug zu essen kaufen können wird. Ich trage ihr dreckiges Geschirr in die Spülküche. Hier unten ist kein Empfang und die Maschinen sind laut. Ich würde das Telefon nicht mal hören, wenn jetzt jemand anriefe, den ich liebe. Vielleicht zum letzten Mal. Nach dem Abwasch nehme mir von dem verschmähten Brot. Es schmeckt sehr gut. Man muss statt dessen keinen Kuchen essen.
Wirklich nicht.

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