Jetzt ist es soweit: Ich schreibe, weil ich nicht schreiben darf. Weil ich schreiben möchte, aber alles, was ich fühle, zu kitschig, zu uncool, zu sentimental, zu weich, zu wasweißichwas ist, jedenfalls nichts, was man jenseits der Teenagerjahre in ein Blog hacken könnte. Und dann frage ich mich: Woher dieses Gedankenkorsett? Warum unterliege ich, wie so viele, dem Wahn, wissen zu wollen, was der aufgeklärte, autarke Großstadtbürger im Jahre 2014 ohne Reputationsverlust äußern darf und was er unterlassen sollte, wenn er weiterhin als autark und großstädtisch gelten will? Warum dürfte man über die Bebauungspläne des Tempelhofer Feldes sinnieren, aber nicht über den perfekten Schwung der Lippen desjenigen welchen; über das Beleuchtungskonzept des hippen Clubs, aber nicht über die Art und Weise, wie eine Person auch noch den letzten Neuköllner Schmuddelbunker zum Leuchten bringt? Warum darf man Ängste äußern über Vorgänge in der Weltpolitik, aber nicht bezüglich kleiner Dinge des Alltags, von denen zwar keines die Erde zum Wanken bringt, aber doch vieles um den Schlaf? Warum darf ein Mann ohne Gesichtsverlust damit hadern, dass der BER erst 2035 aufmachen wird, aber nicht damit, dass einen derjenige welche vermutlich auch nicht früher ranlassen wird?

Dass auch zum Eingeständnis von Schwäche Mut gehört, ist keine neue Erkenntnis, aber wer definiert eigentlich, was einen als schwach dastehen lässt, als larmoyant, als weinerlich, als unmännlich?

Ehrlich, mich interessiert der Flughafen einen Scheiß, ich kann mir sowieso kein Ticket leisten, und Tempelhof ist Jottwede. Mich interessiert, warum Augen so unglaublich blau sein können und warum man sich den Arsch aufreißen muss für Dinge, die man hinterhergeworfen bekäme, wenn man aussähe wie James Franco; mich interessiert, warum man aus einigen Menschen gar nicht schlau wird und aus anderen zu sehr, und warum Herz und Vernunft so selten zivilisiert miteinander umgehen — Um nur an der Spitze des Eisberges meiner inneren Themen-Tabuzonen zu kratzen.
Und mich interessiert, warum ich mich schäme, öffentlich über Gefühle nachzudenken, aber nicht für irgendeine intellektuelle Abhandlung, wenn ich mich alle Schaltjahre daran erinnere, dass ich ja mal irgendwann irgendetwas studiert habe und von diesem Wissen Gebrauch mache. Weil das eine durch den vermeintlich privaten Bezug angreifbar macht, aber das andere aus sicherer intellektueller Distanz und damit weniger personenbezogen geschieht? Als ob man nicht auch über Gefühle theoretisieren könne! Natürlich könnte ich über private Dinge schreiben, die ich noch nie gefühlt habe, aus kühlster Distanz (für irgendwas gibt es schließlich das Lyrische Ich), ebenso wie ich all meine wahrhaft empfundene Leidenschaft in eine wissenschaftliche Abhandlung packen könnte. Aber auch hier komme ich nicht weiter, was mich wieder zur Ausgangsfrage bringt:

Inwieweit darf der Mensch also in seiner Verletzlichkeit öffentlich sein, in seinem Sentiment, in seinem Misserfolg? Ich denke: Wenig. Eine geringe Menge macht menschlich, ein Zuviel zieht die gesellschaftliche Verachtung nach sich: „Everybody loves a winner / so nobody loves me“ singt Liza Minelli in „Cabaret“.

Ist es wirklich so einfach, dass ein Zugeben des Nichtgeliebtwerdens automatisch weiteres Nichtgeliebtwerden nach sich zieht? Warum sind Dinge wie Hilflosigkeit oder Einsamkeit ein solches Tabu, von negativ besetzten Emotionen, die sich auch keiner zuzugeben traut, wie Wut, Eifersucht oder Neid, ganz zu schweigen?
Rein evolutionär betrachtet, müssen ja auch derartige Regungen irgendeinen Sinn haben — Ansonsten hätten wir sie nicht.
Ich habe keine Antwort, aber ich weiß sehr genau, wie gut es tut, sich hinter Fremdwörtern und möglichst wissenschaftlichen Formulierungen verstecken zu können, wenn einen im Grunde eher Unwissenschaftliches umtreibt.

Und tatsächlich habe ich es jetzt immerhin geschafft, über Dinge zu schreiben, die ich nicht schreiben darf, weil ich fühle, dass ich sie nicht fühlen sollte: Oder zumindest nicht darüber schreiben.
Das letzte Wort indes überlasse ich Element of Crime:
„Am Ende denk ich immer nur an Dich.“

Gute Nacht.

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