„Cider?“
Ich nicke und meine weibliche Lieblingsbedienung zapft routiniert das Pint.
Mit dem Glas in der Hand setze ich mich nach draußen; es ist noch mild. Hinter mir lärmen drei native speaker, deren Akzent ich nicht zuordnen kann, in der Ecke sitzt ein Pärchen und um den Tresen herum verteilen sich einzelne Männer.
Der Pub ist also recht leer, und so sehe ich wieder zur Kellnerin. Sie trägt heute Irisch Grün und hat das nussbraune Haar zu einem lockeren Knoten aufgesteckt. Sie ist sehr hübsch, aber ungeschminkt, feminin, aber nicht zerbrechlich, und ich mag ihre resolute Art: Ihre Sprachmelodie, die weit entfernt ist von irgendwelchem Prinzessinnen- oder verhuschte-kleine-Mäuschen-Getue, das mir an Frauen zuwider ist. (An Männern natürlich auch, und ja, das gibt es!)
Verwundert stelle ich fest, dass sie die erste Frau seit Langem ist, die ich wirklich attraktiv finde, weil ich sie genauso gerne in Gummistiefeln und Latzhose beim Treckerreparieren auf einer irischen Schafsweide ansehen würde wie im bodenlangen Abendkleid in der Oper. Und weil ich ihr den gleichen souveränen Umgang mit Rohr- wie Wimpernzange zutraue.

Sie hat lustige braune Augen und ein maskulines Lachen, was sexy ist, von dem Akzent gar nicht erst anzufangen.

Die Typen am Tresen sabbeln sie voll und sie reagiert mit dieser freundlichen, aber unmissverständlichen Art, die jedem, der sich Hirn und Anstand nicht komplett in den Orkus gesoffen hat, sagt: Ich rede mit dir, weil du hier Gast bist, aber komm mir zu nahe und ich reiß dir den Arsch auf bis an den Rand des Empires.

Ich bin ein bisschen verliebt.

Sie schaut kurz rüber und ich merke, dass ich sie anstarre. Beschämt sehe ich weg. Ich will nicht so sein, nicht so einer, der meint, mit seinem billigen Bier die Bedienung gleich mitgekauft zu haben, ihre Aufmerksamkeit, ihr Lächeln.
Davon hat sie hier täglich sicher mehr als genug.

Auf BBC läuft etwas über ein celtic media festival. Die Sendung ist komplett zweisprachig untertitelt und ich sehe fasziniert hin. Menschen erzählen Dinge auf Gälisch und zwischendurch wird Werbung für Gälischkurse gemacht. Die Sprache klingt toll und sieht geschrieben auch so aus, aber ich frage mich, wie diese Girlanden an Konsonanten jemals jemand über die Zunge bekommen soll, der das nicht mit der Muttermilch aufgesogen hat. Und plötzlich erinnere ich, was ich in der Schule als Antwort auf die Frage „Wenn Du einen Wunsch frei hättest, was wäre der?“ in Freundschaftsbücher schrieb. (Für die jüngeren LeserInnen: Das war sowas wie facebook auf Papier.)
„Ich würde gern alle Sprachen der Welt können“ schrieb ich, denn wie schön wäre es, einfach überall herumreisen und sich mit den Leuten anfreunden zu können, egal, wo man ist?
Ich merke, dass ich das immer noch nicht dumm finde. Denn wie oft trifft man jemanden mit einer anderen Muttersprache, spürt eine sofortige Sympathie und stellt dann fest, dass man sich nicht in der Tiefe verständigen kann, wie man es gern hätte; dass einem das fehlt, was einen bei der Benutzung der eigenen Sprache auszeichnet, nämlich der Wortwitz, die Intelligenz, die Sensibilität? Es ist frustrierend, und es ist schade, denn wer sagt denn, dass nicht genau dieser Mensch aus Schottland, Irland, Finnland oder den Niederlanden exakt das Puzzleteilchen ist, das einen sinnvoll ergänzt, ohne einen zu verbiegen?

Ich überlege, ob die irische Kellnerin Gälisch spricht. Ich würde gern hingehen und ihr auf Gälisch sagen, dass sie sehr schön ist, eine tolle Ausstrahlung hat und hier einen tollen Job macht, und außer uns würde das dann keiner verstehen und schon hätte man etwas, das einen verbindet. Aber wahrscheinlich würde sie dann einfach auf Gälisch denken: Ach bitte, nicht noch so einer, kann ich nicht einfach nur in Ruhe arbeiten.

Ich trinke aus und ziehe Leine.

In der Oranienburger Straße stehen zwei Sexarbeiterinnen. Auch sie sind sehr hübsch, und die Blonde hat unglaubliche Beine.

Sie schauen mich an und mich schaudert’s. Denn plötzlich fällt mir ein, dass ich das ja jetzt machen könnte: 30 Euro hinlegen und gucken, ob ich noch irgendwie zu Rande komme mit Frauen, theoretisch, als Mann kann man das ja: Menschen kaufen. Mir wird ein bisschen schlecht, und mir tun die armen Würste Leid, denen das ein Machtgefühl vermittelt. Ich will das nicht. Ich schaue zu Boden und schäme mich schon wieder. Ich will nicht so sein, nicht so einer.

Ich hoffe, dass sie das sehen in meinem Blick, dass ich nicht so bin, nicht die Sorte Mann, aber andererseits machen sie dann mit mir ja auch kein Geschäft.
Wieder fällt mir die Sache mit den Sprachen ein: Was nützten mir alle Sprachen der Welt, wenn man sich oft nichtmal in der eigenen auszudrücken vermag, wenn die Welt voll ist von nonverbalen Gemeinheiten, Unausgesprochenem und Dingen, für die man keine Worte hat? Obendrauf noch all das, was man einfach nicht sagen darf; weil es das Gegenüber nicht hören will oder weil’s sich nicht gehört.
Und ich stehe mittendrin als die Inkarnation des Unsagbaren und Unausgesprochenen. Ich kann ja weder für die Frauen noch für die Männer wirklich Stellung beziehen; ich darf ja weder Männer noch Frauen lieben, weil ich nicht weiß, wie ich mich nähern soll, ohne zu verschwinden. Weil immer der Punkt kommt, an dem ich für andere weder-noch bin; der Punkt, an dem ich unsichtbar werde: Don’t talk to me.

Ich erinnere Tränen auf einem schönen Gesicht. Lauter unerzählte Geschichten, die ich gern wüsste. Ich erinnere das Bedürfnis, trösten zu wollen, aber er sucht nicht den Trost bei mir, sondern bei der Frau neben sich; die ganze Zeit schmust er herum mit dieser Person, obwohl er angeblich schwul ist, und ich muss mir das ansehen und weine nach innen. Den anderen Mann im Raum fasst er auch nicht an, deshalb sollte ich nicht eifersüchtig sein, aber trotzdem, denke ich, trotzdem: Er würde jeden hier lieben, aber nicht mich.
Im Zwischenmenschlichen gibt es nichts Zwischenzeiliges: Das ist offensichtlich. Und ich will auch nichts Zwischenzeiliges sein.

Ich implodiere an all dem Ungesagten im Raum und an all dem, was ich nicht einmal denken darf. An den verschränkten Fingern, die ich nicht sehen will, an den Küssen und an den Worten, die er sagt: zu ihr, und an den Worten, die er nicht hat: für mich.
„Mir ist kalt“ sage ich, weil ich will, dass er mich auch in den Arm nimmt, dass er sie loslässt, um meinen Pullover zu holen, dass er Kaffee macht, oder irgend so etwas. Früher hätte das geklappt. Aber es funktioniert nicht mehr, weil ich jetzt ein Mann bin, und mir wird klar, dass dieses Männer-Frauen-Ding noch viel mehr Sprachen umfasst, als der Mensch wahrhaben möchte.
So ist das also, denke ich. Wenn man viele Wörter kennt und einen trotzdem niemand versteht. Welche Sprache könnte da noch helfen?

Ich trete hinaus in die Nacht und horche in die Stille: Mit Zuhören fängt doch alles an, denke ich; so lernt jedes Kind die Sprache. Zuhören und Nachahmen.
Und vielleicht gibt es dann irgendwann jemanden, der dir antwortet.

 

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