Der Hund krümmt den Rücken und scheißt, gerade in dem Moment, wo ich hinsehe und mich frage, ob ich ihn süß finde oder nicht. Die Antwort lautet aber ohnehin „nein“, denn er ist eine Art zu kurz geratene Kampftöle, der seine geringe Körpergröße durch einen besonders fiesen Blick wettzumachen versucht: Niedlich ist anders. Ich frage mich, ob der Hund noch ein Welpe oder eine fiese Mischung aus irgendetwas ist und sehe mir das dazugehörige Herrchen an. Eine martialisch anmutende Gestalt, bei der ich es durchaus im Bereich des Möglichen ansiedele, dass er in seiner Freizeit seinen eigenen Pitbull mit dem Chihuaha aus der rosa Plastikhandtasche seiner Freundin kreuzt. Und das Ergebnis kackt mir, wie gesagt, soeben vor die Füße.
Meinen Jutebeutel mit dem „BOYS BOYS BOYS“-Schriftzug trage ich auf der Seite des Kanals, von den Hochhäusern zur Linken abgewandt. Zur Sicherheit drehe ich die Schrift aber noch einmal nach innen. Einmal im Leben von einer prolligen Teeniebande am Tegeler Hafen verbal angefallen worden zu sein, deckt meinen Bedarf daran bis auf Weiteres. Auch wenn davon auszugehen ist, dass mit Fertigstellung der Luxuswohnungen am Hafen und der Komplettsanierung der Hochhäuser die prolligen Teenies demnächst schlechtgelaunten mittelalten Reichen weichen werden.

Bei den Hochhäusern ist unverkennbar Frühling: Ein dickes Teeniepärchen in speckigen Trainingsanzügen knutscht an den maroden Schaukeln des Spielplatzes, versuchsweise auch auf der Schaukel, aber das Mädel passt der Leibesfülle wegen nicht ganz aufs Brett.
Ich mache in Gedanken drei Kreuze, dass ich kein Teenie bin und nicht mehr an unsäglichen Orten wie Bushaltestellen, Spielplätzen und Parkbänken knutschen muss, wo einen dann letztlich doch nur die Schwester (oder deren Freundinnenpatroillie) bei den Eltern verpfeift.
Der Nachteil ist natürlich, dass dafür in fortgeschrittenen Jahren gar keiner mehr mit einem knutscht, und so hält auch dieses Jahr wieder der Frühling Einzug in Berlin, und zwar ohne mich.

Das Wasser glitzert eisblau, als ich den See erreiche, und er hat heute sogar eine nennenswerte Brandung, sodass man beim Schließen der Augen einen Hauch von Meer vernehmen kann — wenn man sich anstrengt.
Aber es ist wahnsinnig laut an diesem ersten warmen Frühlingstag; überall sind Leute, und nicht einmal die Möwen sind da, obwohl es am Ufer reichlich zu Fressen gibt: Dafür schlagen die Schwäne ordentlich beim altbackenden Brot zu, wovon sie traditionell Dünnschiss kriegen und dann ihrerseits in Tegel alles vollkacken: Wer dort öfter ist, kennt das Elend.
Ich versuche, die Menschenmassen auszublenden und mich auf Wasser, Bäume und Vögel zu konzentrieren, auf der Suche nach etwas, das auch mein winterverkrustetes Herz sanft und verlässlich antaut, ohne die üblichen Komplikationen der Zuneigung zu einem menschlichen Wesen mit sich zu bringen. Aber es fällt schwer. Aus dem  Augenwinkel sehe ich etwas aufglänzen und ich schaue vom Wasser weg zur Wiese: Dort liegt ein auffallend schöner junger Mann, auf die Ellbogen gestützt, mit strahlend goldblondem Haar, in einem enganliegenden hellgrauen Shirt auf einer Decke.
Er erinnert mich sehr an jemanden, und vielleicht ist er es sogar, aber ich will das nicht wissen: Zu viele Frühlinge her und zu viele Eisschichten darüber. Ich schaue wieder aufs Wasser und denke, das es auch eigentlich egal ist, ob man sich gerade wegen unbedarfter tintenblauer oder unergründlicher nebelgrauer Augen die eigenen ausheult, letztlich ist es doch immer dasselbe, mit wechselnden Vornamen, und den Frühling haben immer die anderen.
Kanadagänse, zum Beispiel. Die Viecher balzen und brunzen zu meinen Füßen, als ob es kein Morgen gäbe. Ich überdenke meine Vogelliebe kurz, zwinge mich aber dann zurück ins Hier und Jetzt: Es ist schön. So wie es ist. Man hat nunmal keine Wahl zwischen dieser und einer Traumwelt, schon gar nicht, wenn man aus seinem Vorleben weiß, sehr genau weiß, dass vermeintliche Traumwelten gar keine sind: Es ist doch so, dass alles Besondere trivial wird, sobald es Alltag ist. Und dann sitzt man dem so Bewunderten in 2, 3 oder 4 Jahren morgens beim Kaffee gegenüber und hat sich nichts mehr zu sagen: So wird die Liebe erst Gewohnheit und dann lästig. Nein, dann lieber gar nicht erst anfangen.

Inmitten der inneren Feier meiner Abgeklärtheit erreicht mich eine E-Mail: Meine Eltern waren im Theater, mussten die Vorstellung aber verlassen, weil es meiner Mutter nicht gut ging. Ich schlucke. Machte ich mir tatsächlich gerade über irgendwelchen Trivialscheiß Gedanken,  über kackende Hunde, verdauungsgestörte Schwäne oder die Abnutzungsanfälligkeit von Beziehungen? So, als ginge das Leben ewig weiter, als wäre dies nur ein weiterer einer endlosen Reihe von Frühlingen, die es abzusitzen gilt?
Die Frühlinge sind nicht endlos. Mir wird bewusst, dass jeder neue Tag, jedes neue Jahr, ein neuer Tag und ein neues Jahr ohne jemanden sein kann. Jemanden, den man für quasi-selbstverständlich hält, weil er schon das ganze Leben irgendwo herumwuselt. Aber niemand ist selbstverständlich, egal, wie sehr man an ihn oder sie gewöhnt ist. Ich sollte mal wieder bei den Eltern anrufen.
Sollte ich.

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